Keine Krankheit der Armen mehr

4. März 2012, 18:17
posten

Tuberkulose ist in der Ukraine weitverbreitet - Auch multiresistente Keim

Mit der Ausbreitung von HIV wächst ein weiteres Problem in der Ukraine: Auch die Zahl der Tuberkulose-Infizierten steigt an. Die Ukraine weist laut Weltgesundheitsorganisation unter den WHO-Ländern der Europäischen Region nach Russland die zweithöchste Tuberkulosebelastung auf. Mehr als ein Prozent der Bevölkerung des Landes ist von der im Volksmund " Schwindsucht" genannten Infektion, die durch Bakterien beim Sprechen, Husten oder Niesen übertragen werden kann, betroffen.

Lange Zeit galt Tuberkulose als Krankheit der Armen, die in schlechten hygienischen Umständen leben und an Vitaminmangel leiden. Heute ist das nicht mehr so, sagt Witalij Mankowskij, Leiter der TBC-Kinderambulanz in Charkiw, der zweitgrößten Stadt der Ukraine im Osten des Landes. Längst erkranken auch Kinder aus mittelständischen Familien, sagt der Arzt.

In Mankowskijs Ambulatorium, einem zweigeschoßigen Altbau, finden TBC-Untersuchungen und ambulante Behandlungen statt. Muss jemand stationär aufgenommen werden, wird er an eine entsprechende Klinik überwiesen. Allein im vergangenen Jänner registrierte Mankowskijs Team 2500 Neuinfektionen. Der Staat unterstützt die Einrichtung, aber nicht kostendeckend. Mankowskij, auf dessen private Initiative die Klinik gegründet wurde, ist auf Unterstützung von NGOs wie der Caritas angewiesen.

Die Behandlung ist gratis, trotzdem finden Betroffene oft nicht den Weg zur Klinik. "Viele Kranke leben in schlechten sozialen Verhältnissen, sind alkohol- oder drogenkrank, sodass es ihnen egal ist, ob sie Tuberkulose haben." Umso wichtiger seien präventive Maßnahmen in Schulen.

Ein Problem, das hinzukommt, ist, dass immer mehr multiresistente Keime auftreten, die nicht mehr auf gängige Medikamente ansprechen. "Das ist ein enormes Problem, das gelöst werden muss", sagt Klinikleiter Mankowskij, "aber es werden nun mal nicht oft neue TBC-Medikamente erfunden, weil es sich für die Pharmafirmen nicht lohnt."

Die WHO hat in ihrem 2010 erschienenen Bericht über das Tuberkuloseprogramm in der Ukraine festgestellt, dass jedes Jahr 8700 Fälle mit multiresistenten Keimen versorgt werden müssen. In Kombination mit einer HIV-Infektion, an denen elf Prozent der TBC-Infizierten leiden, besteht laut WHO eine hohe Gefahr, dass der Patient stirbt. (Gudrun Springer, DER STANDARD; Printausgabe, 5.3.2012)

Share if you care.