Weltrettung durch Spekulation

2. März 2012, 19:28
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Mit Ibsens "John Gabriel Borkman" gelang Regisseur Elmar Goerden ein glanzvoller Einstand . Dem Bankiersdrama verhilft er auch dank edler Besetzung zu einem Meisterstück der Verblendung

Wien - Der Schatten, den der ehemalige Bankdirektor John Gabriel Borkman auf seine Familie geworfen hat, verfinstert in Elmar Goerdens äußerst stilvoller Inszenierung die Gemächer der herrschaftlichen Villa. Hohe, schiefergraue Wände markieren auf der Bühne des Josefstadt-Theaters ein Haus, in dem Borkman (Helmuth Lohner) seit acht Jahren nur mehr den Saal im ersten Stock bewohnt. Ein irrationales und im großen Stil misslungenes Spekulationsgeschäft hat den Mann vor Jahren ins Gefängnis gebracht und ihn dadurch von seiner Frau Gunhild (Nicole Heesters) entzweit. Sie lebt allein im Erdgeschoß.

Regisseur Elmar Goerden hegt bei seinem Josefstadt-Debüt immense Achtsamkeit gegenüber den Charakteren in Henrik Ibsens Kapitalisten-Drama John Gabriel Borkman. Mit großer Zuwendung stiftet er Persönlichkeiten, die die Ibsensche Kühle ganz und gar gegenwärtig ausstrahlen. Dabei ist Goerden nicht an der x-ten Kapitalismuskritik gelegen. Es geht nicht um die Raffgier als eine Eigenschaft des Menschen, sondern um die Beschaffenheit bzw. das Überlegenheitsgefühl eines Menschen, der sich in scheinbar bester Absicht am Geld anderer bedient.

Ein jeder darf beim Fall Borkman auch an österreichische Kriminalfälle der letzten Jahre denken. Man darf auch an Wikileaks denken, wenn Borkman sich darüber beklagt, dass jemand etwas "an die große Glocke [hängt], was nur einem einzigen anvertraut war" - in Wahrheit aber verzichtet diese unter hoher Spannung driftende Josefstadt-Deutung auf sämtliche kurzfristige Aktualitätsbezüge.

Dieser John Gabriel Borkman erzählt vom Selbstverkennen und seinen mitunter fatalen Folgen ("Diese Millionen wollten befreit werden!"). Der Bankdirektor (Lohner) ist ein von seinen eigenen Visionen und seiner Tollkühnheit wahnhaft geblendeter Eremit mit wehendem Haar und aufgerissenen Augen, der sich, wenn man ihn denn riefe, von seinem Obergeschoß auch sofort zur Weltrettung herabbequemen würde. Wie gefährlich er sich selbst ist, macht Regisseur Goerden mit einer Rasierszene deutlich. Und wie enthoben er der Realität ist, zeigt sich an seinem geerdeten Gegenüber, dem Beamten Vilhelm Foldal, den Heribert Sasse samt Extrawurstsemmeln als sachte Karikatur aufblitzen lässt.

Reinwaschen des Namens

Ein Trauerspiel der Selbstüberschätzung gibt auch Frau Borkman ab. Als eine über der Not ihres Daseins hibbelig gewordene ältere Dame (Heesters) schmiedet sie in einsamen Tagträumen an der Bettkante Pläne zur Reinwaschung ihres einst werten Namens. Wie sie sich vor den Augen ihrer ungeliebten Schwester Ella Rentheim den Unterrock richtet und dabei sichtbar wird, dass sie sich im Unterschied zu jener offenbar schon lange nicht mehr um eine perfekte Gesellschaftstoilette bemühen muss, das machte Eindruck.

Ella Rentheim (Andrea Jonasson), die einst, da sie den Vater nicht haben konnte, den Borkman-Sohn (Martin Bretschneider) als Tante zu sich nahm, ist nach Jahren wiedergekommen, um ihn nun für sich zu beanspruchen. Ein Übergriff, von denen es in diesem Drama viele gibt. Jonasson zeigt den Schmerz einer um ihre große Liebe betrogenen Frau, sichtbar verborgen in den formvollendeten Gesten einer Dame von Welt.

Das klingt heavy, ist es aber dann oft nicht. Elmar Goerden gibt Luft; es gelingt ihm, der Düsternis in Ibsens Drama einen Witz abzuringen, der die maßlosen Ansprüche der Beteiligten in die Schranken weist: Maria Köstlinger (Frau Wilton) bläst den abgestandenen Geist dieser nur an sich selbst interessierten Familienmitglieder einmal mit Hochgeschwindigkeitsnorwegisch hinaus.

Dieser Borkman ist stimmig bis ins Detail. Nicht zuletzt haben die Ausstatter (Ulf Stengl und Silvia Merlo) bewiesen, dass die Kunst des norwegischen Designs nicht ausschließlich dem Burgtheater vorbehalten ist: Im edelsten Stil geht diese Familie unter. (Margarete Affenzeller / DER STANDARD, Printausgabe, 3./4.3.2012)

Nachlese:
"An der Macht muss man Spaß haben"
Mit der Inszenierung von "John Gabriel Borkman" gibt Elmar Goerden erstmals seine Regie-Visitenkarte in Wien ab

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    Getrennte Leute: John Gabriel (Helmuth Lohner) und Gunhild Borkman (Nicole Heesters) im Theater in der Josefstadt.

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