"Telefon-Voodoo" in Prozess gegen Prostitutionsring

29. Februar 2012, 17:31
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Sechs Mitglieder eines bulgarischen Prostitutionsringes in Wien angeklagt

Wien - Der junge Mann, der ein "Lover Boy" sein soll, sitzt lässig auf der Angeklagtenbank, die muskulösen Oberarme verschränkt. 20 Jahre ist Sergey T. alt, warum er im Wiener Landesgericht vor dem Schöffensenat unter Vorsitz von Beate Matschnig ist, kann er sich nicht erklären. Mit Zuhälterei habe er nichts zu tun, sagt der Bulgare - und auch die anderen fünf Angeklagten (zwei Männer, drei Frauen) sehen sich als Unbeteiligte oder maximal Dienstleister für Landsfrauen, die sich hier prostituieren wollten.

Mehrere rund um die Uhr geöffneten "Studios" hätten die Angeklagten in Wien betrieben, ist Ankläger Gerd Hermann überzeugt. Was die teils freiwillig eingereisten Frauen dort und auf dem Straßenstrich verdient hätten, sei ihnen großteils weggenommen worden. Kamen Probleme, kamen auch Schläge.

Belastende Telefongespräche

Elena T. soll eines dieser Studios geleitet haben. Die 36-Jährige ist Mutter von Sergey und Schwester einer weiteren Angeklagten. Was sie zugibt: Einmal habe sie von einer Prostituierten Geld genommen. Die habe ihr das aber freiwillig gegeben. Und sonst? Die Frauen seien alle freiwillig zu ihr gekommen, 70 Euro mussten sie pro Tag zahlen, der Rest gehörte ihnen.

Vorsitzende Matschnig hört zunächst geduldig zu, ehe sie direkter wird. "Auch wenn ihnen das jetzt wie Voodoo vorkommt, aber wir wissen, was sie so telefoniert haben." Und beginnt aus den Abhörprotokollen zu verlesen. Wie T. andere auffordert, "endlich Frauen zu suchen". Wie sie mit ihrer Schwester debattiert, wie viel man für eine bestimmte Frau zahlen will. Wie sie überlegt, Schläger zu schicken. T. leugnet zunächst, das überhaupt gesagt zu haben, windet sich dann. "Ein wenig unvorbereitet, die gute Dame", merkt Matschnig an.

Liebe versprochen und auf den Strich geschickt

Auch T.s Sohn Sergey verleitet sie zu Süffisanz. Der hat in Bulgarien Frauen die große Liebe versprochen. Zu seiner völligen Überraschung wollten in Wien dann alle Prostituierte werden. "Es schleicht sich der Gedanke ein, dass Sie ihre Partnerinnen auf den Strich geschickt haben."

Dass er einer seiner Ex-Freundinnen in Wien Ausweis und Handy abgenommen und sie verprügelt haben soll, um sie zum Hierbleiben zu zwingen, quittiert er mit einem Lachen. "Dann hätte sie ja zur Polizei gehen können. Sie lügt sehr ungeschickt."

Die aus Bulgarien eingeflogenen Opfer belasten die Angeklagten weiter. Schließlich muss Matschnig vertagen: Eine angeblich nicht auffindbare Zeugin besuchte Sergey T. regelmäßig trotz Besuchsverbots, stellte sich heraus, nun soll sie gefunden werden. (Michael Möseneder, DER STANDARD, Printausgabe, 1.3.2012)

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