Mit Sljivancanin letztes Mitglied der Vukovar-Troika festgenommen

13. Juni 2003, 11:24
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Zwei Tage vor Ablauf der US-Frist - Dramatische Szenen bei Festnahme des Oberst an dessen Geburtstag

Wien - Mit der Festnahme des ehemaligen jugoslawischen Oberst Veselin Sljivancanin (50) hat die serbische Polizei in der Nacht auf Freitag das letzte Mitglied der sogenannten "Vukovar-Troika" festgenommen. Spezialeinheiten stürmten kurz nach Mitternacht nach fast elfstündiger Belagerung die Wohnung des vom UNO-Tribunal wegen Kriegsverbrechen Angeklagten im noblen Belgrader Stadtviertel Kosutnjak. Sie durchbrachen die gepanzerte Tür zu Sljivancanins Wohnung, nahmen ihn fest und brachten ihn ins Belgrader Zentralgefängnis.

Bei der ganzen Festnahmeaktion spielten sich zum Teil dramatische Szenen ab. Mehrere hundert Anhänger von Sljivancanin, der am Tag seiner Festnahme seinen 50. Geburtstag "feierte", hatten sich vor dem Haus versammelt und leisteten der Polizei heftigen Widerstand. Erst als die Polizisten mit Steinen und Flaschen beworfen wurden, setzte die Polizei Tränengas, Blendgranaten und Gummiknüppel Gewalt ein. Nach Angaben des Belgrader Senders B-92 wurden zehn Polizisten verletzt, drei davon schwer.

Sljivancanin hatte bereits im Vorjahr mit Selbstmord gedroht, sollte versucht werden, ihn festzunehmen. Auch während der Polizeiaktion am Donnerstag und Freitag wurde von Gerüchten berichtet, wonach sich Sljivancanin einen Spregstoffgürtel umgebunden habe, um sich bei Festnahme in die Luft zu sprengen.

Die Festnahme von Sljivancanin ist auch vor dem Hintergrund eines "Ultimatums" des US-Kongress zu sehen. Dieser hatte Belgrad bis 15. Juni eine Frist gesetzt, Sljivancanin festzunehmen und daran die heurige Finanzhilfe in Höhe von 110 Millionen Dollar (93,7 Mill. Euro) geknüpft.

Sljivancanin wurde am 13. Juni 1953 im Dorf Palez in der Gemeinde Zabljak in Montenegro geboren. Er absolvierte die Grundschule in Sarajewo und danach die Militärakademie in Belgrad. Im Laufe der 80er Jahre begann sein Aufstieg in der damaligen Jugoslawischen Volksarmee (JNA). Bald wurde er Sicherheitschef der Brigade, die vor allem für die Sicherheit höchster jugoslawischer Persönlichkeiten zuständig war. In dieser Eigenschaft verweigerte er im Jahr 1991, für die Sicherheit des letzten jugoslawischen Präsidenten, den Kroaten Stipe Mesic, zu sorgen. Mesic, der groß ankündigte, der letzte Präsident Jugoslawiens zu sein, wurde damals auf Druck der internationalen Gemeinschaft zum Staatsoberhaupt gewählt.

Im September 1991 wurde Sljivancanin an die Kriegsfront nach Vukovar geschickt. Als Major war er in der letzten Phase der erbitterten Kämpfe um Vukovar für das operative Kommando der JNA zuständig. Sljivancanin war vor allem für die Evakuierung des Krankenhauses verantwortlich. Später behauptete er, dass er nur von der JNA gesuchte kroatische Offiziere und Soldaten aus dem Spital evakuierte und sie in Gefängnisse nach Serbien bringen ließ.

Über 200 Tote

Nach Anklage des UNO-Tribunals, die am 7. November 1995 erhoben wurde, wurden aber viele Kroaten auf das Landgut Ovcara gebracht und dort erschossen. Der Vukovar-Troika, der neben Sljivancanin die beiden Offiziere Mile Mrksic und Miroslav Radic zugerechnet werden, wird vorgeworfen, über 200 Menschen gewaltsam aus dem Krankenhaus gebracht und danach erschossen zu haben. Mrksic und Radic hatten sich bereits im Mai vergangenen bzw. im Mai dieses Jahres freiwillig gestellt.

Nach Erhebung der Anklage wurde Sljivancanin vom damaligen Regime des Ex-Präsidenten Slobodan Milosevic zum Oberst ernannt und lehrte im "Zentrum für hohe militärische Schulen" in Belgrad, bevor er pensioniert wurde. Im Dezember 1998 begann das Militärgericht in Belgrad Ermittlungen im Zusammenhang mit den Verbrechen in Vukovar. Sljivancanin sowie Mrksic und Radic wurden auch von Ermittlern des Haager Tribunals in Belgrad einvernommen, die von der damaligen jugoslawischen Regierung die Festnahme und Auslieferung der Vukovar-Troika forderte.

Der erste - gescheiterte - Festnahmeversuch durch die serbische Polizei erfolgte im Februar 2003. Zuletzt trat Sljivancanin, verheiratet und Vater dreier Kinder, im August 2001 in der Öffentlichkeit auf, als er sein Buch "Das ist mein Land" vorstellte. (APA)

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