Von einem David und seinem ganz persönlichen Goliath

23. Februar 2012, 18:09
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David Lama hat als erster Alpinist den 3128 Meter hohen Cerro Torre im freien Stil erklettert. Das lässt selbst Reinhold Messner nicht kalt

Innsbruck/Wien - Lange ist sie nicht gewesen, die E-Mail von Reinhold Messner. Aber immerhin: Es war eine E-Mail von Reinhold Messner. "Er hat mir zu meiner alpinen Leistung gratuliert", sagt David Lama. "Nicht viel mehr." Aber auch nicht weniger.

Der 67-jährige Extrembergsteiger, der mit lobenden Worten über Bergkameraden sparsam umgeht, hat also dem 21-jährigen Extremkletterer seinen Respekt bekundet. Vor einem Monat, gegen Mittag des 21. Jänner, war der Tiroler Lama gemeinsam mit seinem Seilpartner Peter Ortner auf dem 3128 Meter hohen Gipfel des Cerro Torre gestanden. Erklommen hat er die 1500 Meter steil aufragende Granitnadel in den Anden, im Grenzgebiet zwischen Argentinien und Chile, im freien Kletterstil. Das heißt, dass Lama zur Fortbewegung nur die natürlichen - und sehr brüchigen - Strukturen von Eis und Fels genützt hat. Haken und Seile dienten rein der Sicherung. Kein Alpinist hat das je zuvor geschafft.

"Ich habe das nie gemacht, um Anerkennung zu bekommen", sagt Lama zum Standard. "Der Berg hat mich fasziniert und nicht mehr losgelassen." Zwei Expeditionen auf den Cerro Torre sind zuvor gescheitert. Im Vorjahr stand Lama zwar auf dem Gipfel, griff aber in den vereisten Wänden und Rissen auf technische Hilfsmittel zurück. Da hat der Innsbrucker die Erfahrung gesammelt, die er heuer gut brauchen konnte. "Als ich da oben gestanden bin, war es ein komisches Gefühl. Drei Jahre habe ich dafür gekämpft. Ich wollte das Projekt unbedingt abschließen, wäre nicht glücklich geworden, wenn ich es nicht geschafft hätte. Aber in dem Moment, wo das Ziel erreicht war, war es auch weg." Bei weniger Wetterglück, sagt Lama, hätte er wohl auch nächstes Jahr nach Patagonien reisen müssen.

Aber auch trotz des Wetterglücks sind Lama und Ortner "recht gut am Limit unterwegs" gewesen. Zweimal stürzte Lama unterhalb der sogenannten Bolttraverse - 1000 Meter fällt hier die Wand steil ab - ins Seil, ehe er die Gefahrenstelle überwinden konnte. "Und es gab ständig Situationen, wo man besser überhaupt nicht stürzen sollte."Die lockeren Gesteinsschuppen am Cerro Torre machten es schwierig, verlässliche Sicherungen zu setzen. Oft hing das Seil 20 Meter lose durch. "Wenn man dann ins Seil stürzt, hat man ein größeres Problem, dann tut' es nicht nur weh." Der einstige Sportkletterer will "nicht dramatisieren. Aber alpine Klettergeschichten sind nun einmal gefährlicher als Klettern in der Kletterhalle."

Die umstrittenen Haken

Mit im Tross neben seinem Kletterpartner war auch Sponsor Red Bull mit zwei Kletterern, einem Kameramann oben auf dem Berg, einem Kameramann unten sowie Tonmeister und Regisseur. 2013 sollen David Lamas Abenteuer in die Kinos kommen. "Aber nicht nur meine Geschichte wird erzählt, sondern auch die des Berges", sagt er. 1970 hatte Cesare Maestri bei seinem umstrittenen Aufstieg mithilfe eines Kompressors 300 Bohrhaken in die Wand gejagt. An diesen kletterte Maestri nach oben - die " Kompressorroute" war geboren.

Lama verzichtete auf die Verwendung dieser Bohrhaken. Zudem waren ganze 100 Haken nur wenige Tage vor Lamas Versuch von zwei Alpinisten entfernt worden. Der Kanadier Jason Kruk und der Amerikaner Hayden Kennedy wollten den Urzustand des Berges herstellen, was zu heftigen Reaktionen im Bergsteigerlager führte. Lama sah seine Expedition nicht sabotiert. " Wir sind nachher mit den Jungs auf ein Bier gegangen." Er kritisierte aber den Eingriff in das historische Werk von Maestri. 2011 stand noch Lama im Fokus von Anfeindungen, weil Red Bull Bohrhaken und Fixseile für das Filmteam setzen ließ.

Seit einer Woche ist Lama wieder daheim in Götzens bei Innsbruck. Skitouren auf seinen Hausberg, das Birgitzköpfl, hat er schon hinter sich. Ende März, so der Plan aufgeht, will Lama für ein paar Wochen aber nur Sonne, Strand und Mehr genießen. Hochseefischen zum Beispiel, das ist sein großes Hobby.

Bis dahin ist aber noch genug Zeit. Zum Klettern. Dieses Wochenende nimmt er eine 1500-Meter-Wand in den Julischen Alpen in Slowenien in Angriff. "Meine geplante Linie dort ist noch niemand geklettert." (DER STANDARD, Printausgabe, Freitag, 24. Februar 2012)

  • Oft hing das Seil von David Lama 20 Meter durch.
    foto: red bull / lincoln else, ken robinson

    Oft hing das Seil von David Lama 20 Meter durch.

  • "Wenn man stürzt, hat man ein 
größeres Problem."
    foto: red bull / lincoln else, ken robinson

    "Wenn man stürzt, hat man ein größeres Problem."

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