"Neues Europa" doppelte Chance

12. Juni 2003, 20:28
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Expansive EU-Banken haben's gut: Hohes Wachstum und ein großer Teil des Kuchens für die Finanzwirtschaft winken

Wien - Das Wachstumspotenzial des "Neuen Europa", wie die zweitgrößte italienische Bank UniCredito die künftigen EU-Mitglieder und EU-Anwärter schon vor dem US-Außenminister Donald Rumsfeld nannte, ist weiterhin ungebrochen.

Den Banken, die bereits in den vergangenen Jahren ihre meist schwachen Bilanzen mit den Erträgen aus dem Osteuropa-Engagement auffetten konnten, winkt bei sinkendem Risiko eine doppelte Gewinnchance, erklärte Alois Steinbichler, der bei UniCredito für das Ostgeschäft verantwortlich ist und davor das Engagement der Creditanstalt in diesen Märkten leitete.

Rasantes BIP-Wachstum

Einerseits weisen die in einem wirtschaftlichen Aufholprozess befindlichen Länder ein Wirtschaftswachstum weit jenseits des stagnierenden EU-Raums aus. Andererseits, sagt Steinbichler, sind Finanzdienstleistungen aufgrund der früheren kommunistischen Geschichte unterentwickelt und legen darum innerhalb der wirtschaftlichen Entwicklung stärker als andere Sektoren zu.

Bis 2006 wird ein nominelles BIP-Wachstum von 37 Prozent (1997 bis 2002: 50 Prozent) für die zwölf Länder des "Neuen Europa" erwartet (die UniCredito zählt dazu die Kandidaten ohne Malta sowie Rumänien, Bulgarien und die Türkei). Der Banksektor soll in diesem Zeitraum um 44 Prozent (1997 bis 2002: 52 Prozent) wachsen. "Bankdienstleistungen sind in diesen Ländern weiter unterrepräsentiert", erklärt Steinbichler.

Schwache Produktdifferenzierung

Das würde sich unter anderem an der Zahl der Filialen oder der Bankkarten zeigen: Während in der EU einer Millione Einwohner 513 Filialen zur Verfügung stehen (Österreich: 1497), sind es in der Ostregion nur 234. Auf 1,28 Karten pro Bürger im Westen kommen im Osten nur 0,35. Und während die Summe der Kredite und Einlagen in der EU 224 Prozent des BIP ausmachen, liegt das "Neue Europa" erst bei 66 Prozent.

Schwach entwickelt ist bisher auch die Produktdifferenzierung im Osten: Mit Ausnahme Polens, das durch sein neues Drei-Säulen-Pensionssystem bereits einen höheren Anteil an Fonds, Pensionskassen und Lebensversicherungen ausweist, herrscht bei den meisten Ländern das Sparbuch vor, das in der EU nur noch 43 Prozent Marktanteil beanspruchen kann, gefolgt von Lebensversicherungen (29 Prozent) und anderen Finanzprodukten. Wo kommt das überproportionale Wachstum dieser im Vergleich zur EU ärmeren Länder her? Zu einem wesentlichen Teil durch die Fähigkeit, aus Sicht der Banken noch Schulden machen zu können, erklärt Steinbichler. Das zeigt sich etwa bei Konsumkrediten, die 52 Prozent aller Schulden in der EU ausmachen, aber in den Erweiterungsländern nur zwischen 13 (Litauen) und 27 Prozent (Ungarn) liegen.

Polen und Kroatien am Ball

Lediglich Polen (37 Prozent) und Kroatien (44 Prozent) nähern sich bereits dem EU-Schnitt. Ein großer Schub werde auch durch das Hypothekargeschäft kommen. Der Marktplatz ist unter den EU-Banken, die sich in den vergangenen Jahren engagierten, inzwischen weitgehend aufgeteilt. "Die Zeit der Pioniere", die wie die RZB und die Creditanstalt bei ihrem Engagement auf organisches Wachstum setzten, "ist vorbei", diagnostiziert Steinbichler. (Helmut Spudich, DER STANDARD Print-Ausgabe, 13.6.2003)

  • Riesen und Zwerge in Osteuropa.
    grafik: der standard

    Riesen und Zwerge in Osteuropa.

  • In Osteuropa wartet auf die Banken-Branche ein großer Kuchen.
    montage: derstandard.at

    In Osteuropa wartet auf die Banken-Branche ein großer Kuchen.

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