Jussis Gespür für Trends

17. Februar 2012, 20:19
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Christie's-Europachef im Gespräch über die jüngste (Rekord-)Bilanz sowie neue Kundengruppen und Märkte der Zukunft

Wenn Jussi Pylkkänen seine Berufslaufbahn Revue passieren lässt, dann hat der "Fourtysomething" Geschichten parat, die aus gegenwärtiger Perspektive wie eigentümliche Episoden wirken. Um die Mitte der 1980er, als er direkt nach seinem Studium in Oxford bei Christie's zu arbeiten begann, und Post aus Kontinentaleuropa im Tagesgeschäft mehr oder weniger als Problem eingestuft wurde, damals, als sein direkter Vorgesetzter etwa anzweifelte, dass jemand mit einem finnischen Namen in einem britischen Unternehmen überhaupt Karriere machen könne - von wegen.

Die zunehmende Internationalisierung des Marktes spiegelt sich nunmehr auch in der Nationalität der Mitarbeiter wider, mittlerweile ist nur einer von vier im Londoner Headquarter gebürtiger Brite.

Und Jussi? Seine Aufgabenbereiche wechselten im Laufe der Jahre. Für die Sparte Impressionist & Modern Art initiierte er beispielsweise die Gründung des Bereichs German & Austrian Art. Nun fungiert er als Präsident und Chairman für Europa, den Mittleren Osten, Russland und Indien. Insofern blättert er dieser Tage zufrieden in der jüngst veröffentlichte Bilanz. Der Jahresumsatz 2011 fiel mit 5,7 Milliarden Dollar in Rekordhöhe aus, und Europa behauptete seine Stellung als relevante Verkaufsregion im internationalen Match. Konkret stieg der Umsatz um 25 Prozent auf stattliche auf 2,2 Milliarden Dollar. Der Anteil Amerikas lag bei 1,9 Milliarden (-3 %) gefolgt von 854 Millionen (+11%), die Asien und der Nahe Osten beisteuerten.

Zum Verkauf nach Europa

London profitiert von der Attraktivität als Zweitwohnsitz unermesslich reicher Asiaten oder Russen, einer neuen Klientel, die das Sammeln von Kunst für sich entdeckt hat und sich das sogar in den höchsten Preisklassen leisten kann. Und das erklärt vielleicht auch, warum amerikanische Sammler, die sich über eine Neuausrichtung ihrer Kollektion von begehrenswerten Kunstwerken trennen, dies bevorzugt via London tun, schildert Pylkkänen.

Sheldon Solow ist nur einer von vielen solcher Klienten. In seinem Auftrag versteigerte Christie's diese und vergangene Woche drei Kunstwerke im Gegenwert von mehr als 57 Millionen Pfund bzw. umgerechnet 68,61 Millionen Euro insgesamt. Darunter eine Skulptur von Henry Moore und Francis Bacons Portrait Henrietta Moraes (siehe Artikel "16 Bilder ohne Affäre"), zwei Werke, für die Jussi Pylkkänen selbst gerne ein Vermögen verprasst hätte, so er über ein solches verfügen würde.

Eine andere Gruppe von Klienten bevorzugt hingegen zunehmend eine diskrete Geschäftsabwicklung, konkret die abseits öffentlicher Versteigerungen hinter den Kulissen der Auktionshäuser vermittelten Besitzerwechsel.

Die Zuwächse in diesem Private-Sale-Segment sind beeindruckend: allein in den letzten zwölf Monaten um stolze 50 Prozent auf 808,6 Millionen Dollar. Gemessen am Gesamtumsatz liegt der Anteil dieses lukrativen Spielbeins aktuell bei 14 Prozent, und Jussi Pylkkänen prognostiziert hier eine Verdoppelung innerhalb der nächsten drei Jahre. Parallel dazu wird die Präsenz in neueren Märkten intensiviert, demnächst etwa in Indien, wo man seit 1994 über eine Repräsentanz in Mumbai und jetzt über eine (noch jungfräuliche) Handelslizenz verfügt. (kron / DER STANDARD, Printausgabe, 18./19.2.2012)

  • Jussi Pylkkänen, Christie's-Präsident, Chairman und Auktionator in einer 
Person.
    foto: christie's

    Jussi Pylkkänen, Christie's-Präsident, Chairman und Auktionator in einer Person.

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