Wegen "Thunfisch-Esser sind Verbrecher" vor dem Presserat

Blog16. Februar 2012, 14:30
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Herr B. ist ein "Patient" und hat Thunfisch gegessen - jetzt soll ich seine Ehre wiederherstellen

Die Frage, die mir Herr B. mailte, wirkte harmlos: "Unter dem Bild", schrieb er, "steht 'Thunfischesser sind Verbrecher'. Wenn das nicht ihre Überzeugung ist, bitte ich um Nachricht." Mit den Jahren lernt man lesen. Also schrillten bei mir alle Glocken: "Patientenalarm!"

"Patient" ist ein Binnensprech-Vokabel. In meiner Welt nennt man so Menschen, die in Online-Foren als "Trolle" gelten. Doch im Unterschied zum "Troll" ist der "Patient" real. Er ist davon überzeugt, dass seine Lesart von Wurschtwas (Patienten retten die Welt - oder führen Krieg um Halbsätze) die einzig zulässige ist.

Taliban

Patienten haben eine Mission. Diskurs oder Widerspruch bestärken sie. Um es mit einem bekannten Chefredakteur zu sagen: "Mit Patienten zu debattieren, ist so sinnvoll wie eine Diskussion über Religionsfreiheit und die Trennung von Kirche und Staat mit den Taliban."

Herr B. ist vergleichsweise harmlos. Trotzdem brachte er mich vor den Pressrat. Aber der Reihe nach.

In der "Wiener Bezirkszeitung" (bz), einem Gratis-Postwurf-Wochenblatt, füllt meine Kollegin Suzan Aytekin die VIP-Seiten. Weil ihr das ewige Event-Nachhoppeln zu öd wurde, erfand Aytekin eine Serie: "Promis öffnen ihren Kühlschrank".

Food-Foto

Das Konzept ist klar: Ein Foto vor dem offenen Kühlschrank - und ein paar Zeilen. Irgendwann - bei Madonna, Mausi Lugner und Brad Pitt war wohl grad besetzt - saß ich zwischen Gefrierfach und Kamera. Aytekin machte mich zum Food-Moralisten: "Thunfisch-Esser sind Verbrecher" stand unter dem Foto. Hier waren sie: Meine 15 Sekunden Ruhm.

Die Welt drehte sich weiter - und vergaß meinen Eiskasten wieder. Nur einer nicht: Herr B. Ich kenne ihn nicht - aber sein Mail landete in meiner privaten Box. So was macht stutzig. Ich wich also aus: "Sehr geehrter Herr B., wieso wollen Sie wissen, ob ich präzise genug zitiert worden bin?"

"Ist es ihr Ernst?"

Die Antwort kam postwendend: "Ist es ihr Ernst, dass alle, die Thunfisch essen, Verbrecher sind?" Ganz klar: Patientenalarm! Dennoch antwortete ich - wenn auch ein paar Tage später: "Sehr geehrter Herr B., Sie wissen, wer ich bin - aber ich nicht, wer mir da schreibt. Und ich lasse mir so ungern Fangfragen stellen. Also: Wieso ist die Frage, ob ich korrekt zitiert worden bin, so wichtig für Sie?"

Danach war Ruhe. Ich vergaß die Sache. Bis ich Post vom Presserat bekam: Herr B. hatte sich an das Ethik- und Selbstkontrollgremium gewandt. Und zwar umgehend: 13 Minuten nach meiner Antwort stand er bei den Wächtern auf der Matte: "Sehr geehrte Damen und Herren, bitte teilen Sie mir mit, ob ich ein Verbrecher bin. Ich habe vor zwei Tagen Thunfisch aus der Dose gegessen. Sollte ich kein Verbrecher sein, ersuche ich um Bekanntgabe, wie ich eine Richtigstellung seitens des Herrn Rottberg (sic!, Anm. TR) in derselben Art, wie und wo die Beschuldigung erhoben wurde, erhalte." Beigelegt: Der längst vergessene bz-Artikel.

Bluefin nach Blaublut

Also tagte der Senat 1 des Presserates wieder einmal meinetwegen. (Zuletzt hatten Durchlaucht aus dem Esoterik-Shoppingkanal, Astro-TV-Adoptiovprinz Mario Max Schaumburg Lippe, geborener Wagner, hier meinen Kopf gefordert.) Doch meine Richter waren milde:

"Thomas Rottenberg stellt mit der Aussage "Thunfisch-Esser sind Verbrecher" nach Ansicht des Senats aller Wahrscheinlichkeit darauf ab, dass eine Tierart durch Überfischung vom Aussterben bedroht ist. Der Begriff "Verbrecher" wird hier nicht im strafrechtlichen Sinn verwendet, sondern zielt in diesem Fall auf ein - aus der Sicht des interviewten Thomas Rottenberg - moralisch verwerfliches Verhalten ab.

Die Meinungsäußerungsfreiheit geht bei einem derartigen Werturteil besonders weit. Sie umfasst auch Aussagen, die verstören oder Verärgerung bzw. Missfallen auslösen (siehe die Entscheidung 2011/44 des Senats 2 des Presserats). Thomas Rottenberg ist zwar auch Journalist, hier tritt er aber als Interviewter auf. In Bezug auf seine Person ist es daher fraglich, ob hier überhaupt von einem "journalistischen Verhalten" iSd. Ehrenkodex auszugehen ist.

Zudem fehlt es auch noch an der nötigen Individualisierbarkeit. Angesprochen ist eine derart weitreichende Gruppe an Menschen, dass sich ein einzelner Angehöriger dieser Gruppe nicht betroffen fühlen kann."

Reif für die Klapsmühle

Ich war beeindruckt. Denn ich beneide die Kollegen im Presserat oder an ähnlichen "Gerichten" nicht. Dort darf man nämlich nicht "Oh Gott, der nächste Patient" seufzen und aufs Lösch-Icon klopfen: Hier muss jede Eingabe mit Bedacht und Ernsthaftigkeit behandelt werden. Eine Woche dort am Posteingang - und ich wäre reif für Amoklauf oder Klapsmühle.

So aber warte ich - Herrn B. wird nämlich sicher noch etwas einfallen. (Thomas Rottenberg, derStandard.at, 16.2.2012)

  • Der Beitrag in der Bezirks Zeitung mit dem folgenschweren Zitat über Thunfisch-Esser.
    faksimile: bezirks zeitung

    Der Beitrag in der Bezirks Zeitung mit dem folgenschweren Zitat über Thunfisch-Esser.

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