Eine Alarmglocke schrillt, und keiner geht hin

13. Februar 2012, 18:32
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Der Baltic Dry Index war in der Kreditkrise der Vorbote des Konjunktureinbruchs. Erneut ist der Indikator auf Talfahrt

Der Baltic Dry Index war in der Kreditkrise der Vorbote des Konjunktureinbruchs. Erneut ist der Indikator auf Talfahrt. Ein böses Omen für die Schifffahrtsbranche, aber Analysten glauben nicht, dass er eine Konjunkturdelle anzeigt.

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Wien - Der Baltic Dry Index deutet eine konjunkturelle Eiszeit an. Der Indikator, der die Frachtkosten für Massenrohstoffe wie Kohle und Eisenerz anzeigt, dient auch Analysten und Investoren, die nichts mit der Schifffahrt am Hut haben, als Barometer für den Welthandel und die internationale Auftragslage. Der Index zeigte bereits Monate vor dem Konjunktureinbruch im Zuge der Lehman-Krise an, dass eine Nachfrageschwäche im Busch ist.

Seit Neujahr ist der Index erneut im Sinkflug. Ein Minus von 64 Prozent innerhalb dreier Monate steht zu Buche. Für die größten Schiffe (Capesize) sind die Frachtraten von knapp 33.000 Dollar pro Tag auf etwas über 5000 Dollar gefallen. Mit 660 Punkten ist der Baltic Dry Index sogar tiefer gefallen als in der Kreditkrise 2008 - auf den tiefsten Stand seit 1986. Aktuell notiert der Index immerhin wieder über 700 Punkte.

Der Baltic Dry kündigt damit eine Vollbremsung für die internationale Konjunktur und den Welthandel an. Doch Analysten entwarnen: Keine Nachfrageschwäche à la 2008 setze dem Index heute zu, sondern das Überangebot an Schiffen. Experten von Macquarie schätzen, dass allein 2012 neue Frachter auf den Markt kommen, die mehr als ein Fünftel der aktuellen Flotte ausmachen. Der Auftrag für diese Schiffe ist vor der Krise erteilt worden, und das zusätzliche Angebot drückt den Preis für den Transport.

Analysten des unabhängigen Research-Unternehmens Capital Economics warnen jedoch davor, den spektakulären Sinkflug der Frachtraten völlig zu ignorieren. Denn die Daten des Baltic Dry, die täglich von Schiffsmaklern an die Londoner Baltic Exchange geliefert werden, sind nicht von Spekulationen verzerrt, wie das bei Rohstoffpreisen oft der Fall ist.

Tatsächlich fallen die konjunkturabhängigen Industriemetalle wie Kupfer keineswegs so stark wie der Baltic Dry. Der Preis für Kupfer liegt nahe den Höchstständen vor der Krise, selbst wenn sie im vergangenen Jahr um zwölf Prozent gesunken sind. Genauso sind die Aktienmärkte, die der Konjunktur oft einen Schritt voraus sind, auf Wachstum, oder zumindest Stabilisierung, eingestellt. Der deutsche Leitindex Dax ist seit dem Tiefststand im September um 36 Prozent gestiegen. (Lukas Sustala, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 14.2.2012)

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    Auslaufen oder auflaufen: Angesichts massiv fallender Frachtkosten wird der Transport immer unrentabler.

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