Der gemeinsame Raum der Guten und der Bösen

10. Februar 2012, 22:25
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Der Tahrir-Platz in Kairo, ein Protagonist der Revolution

"Der Tahrir-Platz riecht nach Urin", beginnt der US-Thinktanker Steven Cook im Dezember 2011 einen Bericht aus Kairo in Foreign Policy. Den Gestank - einem Zeltcamp zuzuschreiben - bezeichnet Cook als passend zum Karren im Dreck, ein Jahr nach der Revolution in Ägypten.

Der Tahrir-Platz war der gemeinsame Raum aller: der ersten Demonstranten, der Bürgerkinder, die plötzlich nicht mehr zu Hause zu halten waren, ihrer Eltern, die ihnen auf den Platz nachzogen, der Hooligans, Arbeiter und der anfangs zögerlichen Islamisten, die plötzlich Seite an Seite mit Frauen marschierten. Und natürlich der bösen Polizisten und der - damals noch guten - Soldaten.

Der Tahrir-Platz riecht auch nach Blut: Noch immer verlieren Demonstranten ihr Leben. Vom "Verband der Augenärzte der Revolution" kommt die grausame Meldung, dass allein zwischen 2. und 5. Februar - 2012, nicht 2011 - fünfzig Menschen durch Schrotschüsse Augenverletzungen bis zum Verlust eines Auges erlitten haben. Ahmed Harara, Symbolfigur der Revolution, verlor beide, das erste im Jänner 2011, im November das zweite.

Manche verloren dort auch den Glauben an die Revolution, nur wenige Wochen nachdem der Platz ein einziger Freudenschrei war, als der Rücktritt Hosni Mubaraks bekanntgegeben wurde. Die Armee verschleppte unverheiratete Frauen vom Platz, um sie Jungferntests zu unterwerfen: entweder Jungfrau oder Prostituierte.

Aber es war auch der Platz des neuen Zusammenhalts, des Stolzes, der überwundenen Angst und der wiedergefundenen Würde - und eine Inspiration für die gesamte arabische Welt. Als Bild all dessen wird er in die arabische Ikonografie eingehen.

Jeder Tourist kennt den Platz - schon weil dort das Ägyptische Museum liegt. Ironischerweise heißt der Stadtplaner, der Mitte des 19. Jahrhunderts die grandiosen Entwürfe für das neue Zentrum Kairos lieferte, Mubarak, Ali Pascha Mubarak. Der Platz bekam den Namen des Auftraggebers, des Khediven Ismail Pascha.

Nicht zuletzt der Schuldenberg, den Ismail durch seine Baulust angehäuft hatte, führte 1882 zur britischen Intervention. Der Platz wurde zum Symbol britischer Autorität: Wo das alte Nile Hilton (heute Ritz Carlton) und das Gebäude der Arabischen Liga stehen, war ihr Militärcamp. Erst die ägyptische Revolution 1952 machte den Midan al-Ismailiya zum Midan at-Tahrir, zum Befreiungs-Platz. An dieser wird weitergearbeitet. (Gudrun Harrer/DER STANDARD, Printausgabe, 11.2.2012)

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