Den Spieß umdrehen

10. Februar 2012, 18:58
1 Posting

Die Sieben Schmerzen der Marlene Streeruwitz: Laudatio zur Verleihung des Bremer Literaturpreises 2012 für "Die Schmerzmacherin" - Von Daniela Strigl

Wenn in christlichen Landen von Schmerzen die Rede ist, wird immer auch die Passionsgeschichte erzählt. Nach katholischer Tradition ist sie mit den Sieben Schmerzen Mariae verknüpft, die als sieben Schwerter das Herz der Gottesmutter durchbohren. Die Sieben Schmerzen Mariens sind eine Apotheose des Duldertums. Die Sieben Schmerzen der Marlene Streeruwitz sind das gewiss nicht, sie sind überindividuell, repräsentativ und vor allem: reaktiv. Wann immer es geht, dreht sie den Spieß, die Klinge um. Auch in der Kunst werden Schmerzen erlitten, mitgelitten und zugefügt.

1. Familienschaden

In Die Schmerzmacherin wird die 24-jährige Heldin als Produkt einer löchrigen Genealogie beschrieben. Wie ein Familienfluch pflanzt sich das Fehlen der Väter und das Versagen der Mütter bis in Amalie Schreibers Gegenwart fort. Amalie, Amalia, Amtscherl, Mali oder Amy: Wie soll sie wissen, wer sie ist? Der berühmte Familienname (der Ururgroßvater, ein großer Künstler, starb 1911) ist angesichts der genetischen Phalanx der Rabenmütter ein schwacher Trost. Ohne Pflegevater und Pflegemutter, ohne die Schottolas im beschaulichen Stockerau, wäre die kleine Amalie, einmal verstaatlicht, tatsächlich übriggeblieben. Nicht die natürlichen, die zufälligen Eltern tun ihre Pflicht und Schuldigkeit, geben Liebe, Halt, Geborgenheit.

Eine böse Stiefmutter überredet den Vater, die Kinder im Wald auszusetzen, wo die Hexe in ihrem diätetisch irreführenden Lebkuchenhäuschen kannibalischen Gelüsten frönt. Nicht Die Bremer Stadtmusikanten, sondern Hänsel und Gretel ist das Grimm'sche Märchen, das Die Schmerzmacherin leitmotivisch prägt. Im Roman ist die Rolle der bösen Stiefmutter, vielleicht gar der Hexe, mit Amys Londoner Großtante Marina besetzt.

2. Morbus Austriacus

Die Schreibers sind eine jüdische Familie aus Wien mit Emigrationshintergrund. Amalies Vorfahr ist kein (Gustav) Mahler, der komponiert, sondern ein Schreiber, der malt. In Die Schmerzmacherin erzählt Marlene Streeruwitz auch die Geschichte eines Restitutionsbegehrens, in der die treibende Kraft, die Erbin, ganz offensichtlich nicht zu den Guten gehört. Die von ihr angezettelte Sammelklage gegen die Republik Österreich wird von Amy blockiert. Einfach so.

Und weil sie den Verdacht hat, dass "die Marina" ihr den Sicherheitsjob bei Allsecura mit einem Hintergedanken eingebrockt haben könnte: Wer möchte Erlös und Erbe schon teilen?

Zugleich sind die Schreibers eine typisch österreichische Familie, weil Täter und Opfer sich in ihr vermischen. Amys unbekannter Großvater soll ein Nazi gewesen sein. In Marlene Streeruwitz' Roman Partygirl (2002) begeht umgekehrt der Vater der Geschwister Madeline und Rick Selbstmord, als er, ein unheilbarer Nazi, von einem Makel in seinem arischen Stammbaum erfährt.

Hier handelt es sich um Symptome des Morbus Austriacus; der Begriff stammt von Jean Améry, dem Folteropfer der Nazis. Er hat ihn auf Thomas Bernhard gemünzt, auf sein suizidales Panoptikum des Scheiterns in und an Österreich, auf das Amalgam aus Katholizismus und Nationalsozialismus, Kleinmut und Größenwahn, Verdrängung und Verharmlosung, Verstrickung und Weißwaschung.

In der Literatur manifestiert sich der Morbus Austriacus als heimtückische Erbkrankheit, als Sucht und als Sippenhaftung der besonderen Art. Es wäre voreilig, ihn als ausgestorben anzusehen, nur weil wir seiner überdrüssig geworden sind.

3. Gefährliche Sicherheit

Gegenwärtiger als Die Schmerzmacherin kann ein Text kaum sein, nicht nur weil sein Zeitrahmen auch noch die Super-GAUs von Fukushima und Dominique Strauss-Kahn miteinschließt, sondern vor allem weil er unser Leben im Zeitalter der privatisierten Gewalt vermisst. Wo Söldner agieren statt Amtsträgern, ist es um Recht und Gesetz nicht gut bestellt. Im Auge des Taifuns herrscht Ruhe, doch im Zentrum der organisierten Sicherheit lauert, wie Amys Erfahrung zeigt, die Gefahr. So erzeugt eine paranoide Gesellschaft erst jenen rechtsfreien Raum, vor dem sie sich fürchtet. Das Fürchten gehört zum Geschäft. Der Sicherheitsexperte hält sich seine Paranoia wie einen Diensthund.

"Ein Roman muss ja mehr sein als ein gutes Buch", sagt Marlene Streeruwitz in einem Interview. Bewundernswert sind nicht ihre jahrelangen Recherchen, bewundernswert ist deren rückstandsfreie Auflösung im Roman. Amy bringt es lange fertig, das Handbuch der Gewaltanwendung als rein theoretisches Rüstzeug zu betrachten: alles eine Frage der Dosis. Dabei hilft, dass auf Englisch auch das Obszöne so sachlich und grundvernünftig klingt. Die Schmerzmacherin ist wohl jener zeitgenössische Roman deutscher Sprache, in dem am meisten Englisch gesprochen und gedacht wird. Und wie die Autorin den Stimm- und Sprachwechsel orchestriert, das ist schlicht brillant.

4. Werkzeug werden

Amy Schreiber ist nicht die einzige Streeruwitz-Heldin, die sich mittels Autosuggestion auf Trab bringt, und zwar im wörtlichen Sinne: Amy läuft. Das Laufen ist die augenfällige körperliche Manifestation von Ehrgeiz. Es gibt einer jungen Frau, die meint, nicht wirklich zu leben, sondern nur so zu tun, als ob, das Gefühl, da zu sein. Angestrebt und begonnen wird eine Laufbahn, das war bei der Titelheldin von Jessica, 30 (2004) nicht anders. Die insgeheimen Reden dieser Frauen dienen der Selbstanfeuerung im Hürdenlauf durch den entwickelten Kapitalismus. "Einsatz" heißt das, was sie zeigen, und meint die Bereitschaft, sich einsetzen zu lassen. Die Schwäche, die sie sich leisten, bleibt im Rahmen des Systems: "Sie war lieber lazy als faul." "Ansporn" ist das Schlüsselwort, über das Amy nachdenkt: sich selbst die Sporen geben - jedenfalls eine schmerzhafte Erfahrung.

5. Körper-Invasion

Über die Wollust des Schmerzes weiß eine Erzählerin Bescheid, deren Protagonistinnen einen gewissen Hang zum Masochismus haben. Untrennbar eins sind Wollust und Schmerz im Fall von Amys unbemerkter Schwängerung. Ein gewaltsamer Zugriff, ein Übergriff auf ihren Körper scheint wahrscheinlich. Hier fand keine unbefleckte Empfängnis statt, hier wird kein Erlöser geboren. Sie habe, sagt Amalie sich, kein "Kind verloren", weil sie keines erwartet habe. - "Das Kind hätte ein Engel sein können oder nicht. Glaubst du, der Muttergottes Maria ist es auch so gegangen. Aber die hat nicht eine Flasche Wodka zum Frühstück getrunken."

Wie Kleists Marquise von O. begibt Amy Schreiber sich auf die Suche nach dem Vater, ihr ist jedoch weder ein Kind noch ein auch nur dürftig gezimmertes Happyend beschieden: Unerreichbar fern bleibt die Heilige Familie. Stattdessen wird uns der körperliche Prozess des Verlusts mit quälender Lust am Detail vor Augen geführt.

6. Kein Damenopfer

Das Unheimliche dieser unserer Allsecura-Welt liegt im diffusen Nebeneinander von Vertrauen und Verrat, Tätern und Opfern, Mentoren und Verführern, Engeln und Teufeln. Schwankend zwischen Pathos und Empathie, ist Amy selbst kein Unschuldslamm, sie kennt den Wutrausch und die mänadische Verlockung. Das Bild des verletzten, gefesselten Mannes, ihr ausgeliefert und auf sie angewiesen, wiederholt sich.

Amys Anpassungswille ist nicht frei von Widerborstigkeit. Letztlich verweigert die Schmerzmacherin die Opferrolle und damit die obligate Katharsis durch Tragik, gleichsam die seelische Grundreinigung des Lesers. Amy ist weder dumm noch blind, vor allem ist sie tatsächlich lernfähig. Wie im klassischen Thriller wendet sich die Waffe gegen ihren Besitzer und wird zur "unguided missile": Amy hat gelernt, wie man jemandem eine DNA-Probe entwendet, und auch bei der Flucht aus dem Trainingszentrum profitiert sie von ihrem Knowhow. So wie Hänsel die hungrige Hexe mit dem Knöchelchen hereinlegt und Gretel sie in den Backofen lockt.

Am Anfang lacht die graue Eminenz Gregory Tränen über sie. Zuletzt und also am besten lacht er aber nicht. Amy findet ihn, den sie als Kindesvater überführt hat, auf dem Konferenztisch, genauer: seine Leiche, als ein Bild des Gekreuzigten.

7. Die Schmerzlust des Lesers

Für den magischen Vorgang der Verwandlung von Schriftzeichen in Affekt und Körpergefühl gibt es einen Begriff: Kunst. Marlene Streeruwitz' Sprache des Defekts stellt den real existierenden gesellschaftlichen Mangel als Verletzung der Syntax aus, als verstümmelte Schönheit. Ihr förmlich punktierter Stil des Halbgedachten, Halbgesagten, des grammatischen Coitus interruptus ist längst ein Klischee der Kritik geworden, die übersieht, dass ein jedes Buch sein maßgeschneidertes Sprachkleid erhält.

Dass die Gesetze des Thrillers verletzt und die Erzählfäden am Schluss nicht zusammengeführt werden, auch das schmerzt den Leser: der Gefesselte im Schnee, der geraubte Tag, der schwere Autounfall des Freundes, die Fusion von Allsecura, Marinas Pläne, Gregorys Tod - wie hängt all das zusammen? Wir erfahren es nicht, weil solche Aufklärung Lüge wäre, wo bestenfalls partielle Aufhellungen möglich sind. Wer könnte den Durchblick haben in einer Welt, in der die Entscheidungen im Dunkeln fallen?

In ihrem Werk ist diese Schriftstellerin nicht apodiktisch, sie ist bloß radikal - bis zur Schmerzgrenze und darüber hinaus. Marlene Streeruwitz als die Mater dolorosa der Gegenwartsliteratur? Im Roman ist an einer Stelle, in einer schönen Verschmelzung von Waffe und Wunde, von einer "klirrenden Verwundbarkeit" die Rede. Marlene Streeruwitz' Prosa ist in erster Linie ein Schmerzmittel - ein Mittel nicht gegen, sondern für den Schmerz. In diesem schönen Schmerz zu schwelgen, ist das paradoxe Glück der Leserin. Die ihr dafür danken möchte. (Daniela Strigl, DER STANDARD/ALBUM - Printausgabe, 11./12. Februar 2012)

Es handelt sich bei diesem Text um die gekürzte Fassung der Laudatio, die Daniela Strigl (Literaturwissenschafterin, Kritikerin und Mitglied der Jury des Bremer Literaturpreises) am 26. Jänner anlässlich der Verleihung des Bremer Literatur preises an Marlene Streeruwitz auf die Autorin hielt. Der Förderpreis ging an Joachim Meyerhoff.

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Marlene Streeruwitz

Share if you care.