Grenzerfahrungen

Leserkommentar10. Februar 2012, 12:57
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Über das schleppende Zusammenwachsen der Grenzregion Österreich - Slowakei

In der Donaumonarchie hatte eine gemeinsame Wirtschafts- und Währungspolitik unsere Vorfahren bereits eng zusammenrücken lassen. Grenzen waren zu dieser Zeit Binnengrenzen – ähnlich der Grenze zwischen Niederösterreich und dem Burgenland. Ihre Überquerung wurde dementsprechend nicht als Hindernis empfunden. Für die Bewohner des niederösterreichischen Ortes Berg oder des burgenländischen Ortes Kittsee, der damals noch im ungarischen Komitat Deutsch-Westungarn lag, war es eine Selbstverständlichkeit, im nahen Pressburg, dem heutigen Bratislava, zu arbeiten. Die Menschen zu dieser Zeit waren äußerst mobil und überquerten problemlos nationalsprachliche Grenzen.

Ist nur der EU-Pass gleich?

Doch wo stehen wir heute? Auf dem Papier leben wir in einem gemeinsamen Staat. Tschechen, Slowaken und Österreicher haben denselben (europäischen) Pass, es gibt internationale, europaweit gültige Versicherungskarten, man kann arbeiten, wo man will, und ohne Passkontrollen Grenzen passieren – eine Situation also ähnlich der vor 100 Jahren. Einem Zusammenwachsen Mitteleuropas, oftmals als CEE-Region (Central and Eastern Europe) bezeichnet, steht also eigentlich nichts im Weg – oder?

Leider ist das falsch gedacht. Im Moment sieht es oftmals so aus, als ob in der lokalen Politik kein Interesse am Zusammenwachsen der Grenzregionen besteht. Meistens sind Gemeinden, die direkt an der Grenze liegen, ideologisch viel weiter von ihren Nachbarn entfernt als weiter im Hinterland gelegene Orte. Grenzüberschreitende Kontakte werden nur äußerst selten geknüpft. Fast nie besuchen Grenzbewohner ihre direkten Nachbarn.

Wie viele Kittseer trifft man in Bratislava?

Woran liegt das? Hauptverantwortlich für das äußerst schleppende Zusammenwachsen von Grenzregionen ist sicherlich eine verfehlte oder besser zumeist nicht vorhandene Verkehrspolitik.

Zugegeben, in letzter Zeit werden immer mehr Hauptverkehrsrouten errichtet. Die nagelneue Nordostautobahn nach Bratislava kann hier als rühmliches Beispiel angeführt werden. Diese neuen Verbindungen sind sehr wichtig, um den überregionalen Austausch von Waren, Informationen und Personen voranzutreiben. Vielen Wienern wurde beispielsweise erst in den letzten Jahren die Nähe ihres Wohnortes zur slowakischen Hauptstadt Bratislava bewusst. Dank neuer Straßen, Regionalzüge und Schnellboote trifft man in Bratislava nun bereits häufiger auf österreichische Besucher.

Diese "Grenzüberquerer" stammen allerdings nur sehr selten aus den direkt angrenzenden Regionen Niederösterreichs oder des Burgenlandes. Man sieht in Bratislava nur wenige Kittseer, Marchegger, Pamaer oder Hainburger, obwohl diese Orte praktisch Vororte der Stadt sind.

Während Hauptverkehrsrouten zwischen großen Städten ausgebaut werden, gibt es nahezu keine Straßen bzw. Verbindungslinien zwischen den meisten kleineren Grenzorten. Die Slowakei beispielsweise grenzt über 91 Kilometern an Österreich.

Hier trifft eine strukturschwache, ärmere ländliche Region in einem relativ reichen Staat auf eine wohlhabende, infrastrukturell gut erschlossene urbane Region in einem relativ armen Staat (zumindest für westeuropäische Verhältnisse).

Von diesem Gegensatz könnten beide Regionen enorm profitieren – sowohl wirtschaftlich als auch kulturell. Ziel einer sinnvollen Regionalpolitik müsste es also sein, die beiden Regionen so gut wie möglich miteinander zu verbinden.

Stattdessen gibt es auf der gesamten Länge der Staatsgrenze lediglich vier (!) Grenzübergänge für den Individualverkehr. Drei davon befinden sich auf einem Gebiet von etwa fünf Kilometern in der Nähe der slowakischen Hauptstadt.

Im gesamten Gebiet nördlich der Donau finden willige "Grenzgänger" lediglich einen Grenzübergang. Dieser befindet sich in Hohenau unweit der tschechischen Grenze. Daraus ergibt sich die mehr als paradoxe Situation, dass man entlang des Großteils der slowakisch-österreichischen Grenze, im gesamten Gebiet zwischen Berg bei Bratislava und Hohenau an der March, an keiner Stelle die Grenze passieren kann.

Die einzige Ausnahme bildet eine Autofähre auf halber Strecke bei Angern an der March. Diese Form der Grenzübersetzung ist allerdings kostspielig, zeitaufwendig und erinnert im Allgemeinen eher an frühere, längst vergangene Zeiten als an das 21. Jahrhundert.

Bezeichnend für die Altertümlichkeit dieser Art der Grenzüberschreitung ist auch folgender Hinweis – zu finden auf der Homepage der Gemeinde: "Der Grenzübergang Angern kann bei Hochwasser, extremen Niedrigwasser und Eisbildung nicht benützt werden, in diesem Fall müssen Sie über den Grenzübergang Berg ausweichen!"

Will man also beispielsweise bei Hochwasser oder nach 22.00 Uhr von Angern an der March in den slowakischen Nachbarort Zahorska Ves auf der anderen Seite der March, muss man einen Umweg von etwa 100 Kilometer in Kauf nehmen.

Ähnliche Situationen ergeben sich für nahezu alle Grenzorte an der österreichisch-slowakischen Grenze. Die 600-Einwohner-Gemeinde Deutsch-Jahrndorf am südlichsten Ende der besagten Grenze liegt weniger als drei Kilometer Luftlinie entfernt von dem zu Bratislava gehörenden suburbanen, aufstrebenden Vorort Rusovce.

Dazwischen befinden sich Felder, eine slowakische Autobahn sowie die Bahnlinie nach Ungarn. Die Bewohner Deutsch-Jahrndorfs können problemlos von den Gärten ihrer Häuser nach Rusovce hinüberblicken. Wenn sie allerdings dorthin fahren möchten, um durch die Parkanlagen des historischen Schlosses Karlburg zu flanieren oder in den Geschäften des Ortes einzukaufen, müssen sie einen 23 Kilometer langen Umweg auf sich nehmen.

Gibt es die grenzüberschreitende Zusammenarbeit?

Es wird den Bewohnern von Grenzorten also nicht leicht gemacht, am europäischen Gedanken des Zusammenwachsens früherer Grenzregionen zu partizipieren. Es verwundert daher auch nicht, dass die Bewohner dieser Orte die Chancen und Möglichkeiten der neuen Situation durchwegs noch nicht erkannt haben und zumeist in Passivität verharren.

Sehr oft haben sie sich mit der ehemals tristen Grenzlage ihres Wohnortes abgefunden und noch kein Interesse am Zustandekommen einer grenzüberschreitenden Zusammenarbeit mit ihren Nachbarn entwickelt. Bezeichnend ist auch, dass es in den Geschäften der Innenstadt von Bratislava und den Shops der Konsumtempel im österreichischen Outletcenter Parndorf durchwegs möglich ist, in der Sprache des Nachbarn verstanden zu werden.

In Rusovce oder Deutsch-Jahrndorf hingegen wird dies deutlich schwieriger. Dabei brächte gerade eine engere Zusammenarbeit oder gar eine Partnerschaft zwischen den beiden ungleichen Regionen enorme Vorteile für beide Seiten. In Bratislava gibt es deutsche Schulen und deutschsprachige Universitäten.

In Zukunft soll mit der sogenannten Goethe-Universität sogar eine rein deutschsprachige höhere Bildungsinstitution geschaffen werden. Ebenso steigen die Löhne in der slowakischen Hauptstadt immer weiter. Der Durchschnittslohn liegt jetzt schon bei etwa 1.000 Euro. In Zukunft könnte es also für Österreicher interessant werden, in Bratislava zu arbeiten oder zu studieren.

Österreichische Unternehmen haben die Chancen ja schon längst erkannt und eine erfolgreiche Zusammenarbeit vorgemacht. Bereits jetzt sind über 2.000 österreichische Betriebe in der Slowakei tätig. Zusätzlich bietet die Stadt zahlreiche Einkaufsmöglichkeiten – und dies sogar an Sonntagen.

Die steigenden Immobilienpreise in der slowakischen Hauptstadt leisten ihrerseits wiederum einen Beitrag zum grenzüberschreitenden Austausch. Viele Slowaken leben aufgrund der weitaus günstigeren Immobilienpreise heute schon auf der österreichischen Seite der Grenze. Sie gehen dort einkaufen und zahlen Steuern. So werden Orte revitalisiert und dem Ortssterben in der ländlichen Region entgegengewirkt.

Es lohnt sich also, über ein Zusammenwachsen nachzudenken und - 23 Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs – auch verkehrstechnisch aktiv zu werden und endlich Brücken zu schlagen – sowohl baulich als auch ideologisch. (derStandard.at, 10.2.2012)

Autor

Mag. Philipp Strobl MA. ist Lektor der Österreich-Kooperation der Economická Univerzita v Bratislave.

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