Hochfliegende Pläne und die Realität

2. Februar 2012, 18:46
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Der Schweizer Liga drohen die Klubs auszugehen, die Wirtschaft ist zu wenig spendabel

Mit zehn Vereinen startete im vergangenen Sommer die Schweizer Fußballmeisterschaft. Neun davon treten am Wochenende zur Rückrunde an - einer mit fünf Minuspunkten. Ob diese neun Klubs die Saison beenden und mit welchem Punktestand, wird nicht nur auf dem Rasen entschieden, sondern wohl auch am grünen Tisch und im Gerichtssaal.

Vergangene Woche wurde der Besitzer des FC Neuenburg Xamax verhaftet, über den Verein wurde der Konkurs verhängt. Und der FC Sion muss mit fünf Minuspunkten zur Rückrunde antreten, weil ihm die Liga auf Druck des Weltverbands (Fifa) wegen irregulärer Transfers 36 Zähler abziehen musste. Sion, im Cup mit zwölf Titeln eine Macht, hatte vor vier Jahren Ägyptens Teamtorhüter Essam El Hadary gekauft - gegen den Willen seines Vereins Al-Ahly. Dieser wandte sich an die Fifa, die gegen Sion eine Transfersperre für zwei Perioden verhängte.

Für diese Saison verstärkte sich Sion mit sechs neuen Spielern - und sah sich im Recht. Die Fifa hingegen betrachtete die Sperre als nicht abgelaufen: Die Transfers seien irregulär, der Verein sei zu bestrafen, andernfalls würde die Schweiz international suspendiert. Der Liga blieb nichts übrig, als Sion drakonisch zu bestrafen, denn das Spiel des Nationalteams gegen Argentinien und das Champions-League-Achtelfinale des FC Basel gegen Bayern München drohten auszufallen.

Doch Sion akzeptiert den Abzug von 36 Punkten nicht und rekurriert beim internationalen Sportgerichtshof Cas. Und auf seiner Homepage ist der FC Sion nicht Letzter und im Minus, sondern mit 31 Punkten Dritter.

Der FC Neuenburg Xamax, auch dies ein kleiner, feiner Traditionsklub mit zwei Meistertiteln, stand vor dem Ruin, als ihn im Sommer 2011 der tschetschenische Geschäftsmann und angebliche Milliardär Bulat Tschagajew übernahm. Mit großspurigen Versprechungen und mit einer Garantie der Bank of America über 30 Millionen Franken, die sich später als plump gefälscht erweisen sollte, überzeugte er die Aktionäre und die Liga. Erst als er mit Zahlungen in Verzug geriet, reagierte die Liga und entzog dem Verein die Lizenz.

Weil gemeinsame Not verbindet, offeriert Sion den Dauerkartenbesitzern von Xamax freien Eintritt. Darüber hinaus verbindet die Fälle auch, dass im Schweizer Fußball irrationale Hoffnungen und hochfliegende Pläne oft mit der Realität kollidieren. Um im Fußball auf europäischem Niveau mithalten zu können, ist die Schweiz zu klein und die Wirtschaft zu knausrig. Nur der FC Basel (mit dem Großkonzern Novartis und einer reichen Roche-Erbin im Rücken) konnte in den vergangenen Jahren mithalten.

In Zürich streiten die Grasshoppers und der FC Zürich um Zuschauer und Sponsoren. In Genf steckt Altmeister Servette, nach Konkurs und Sanierung gerade erst aufgestiegen, wieder in der Krise. Klubchef Majid Pishyar, kurz auch als Präsident der Admira in Österreich engagiert, soll in den vergangenen vier Jahren mehr als 20 Millionen Franken in den Klub gesteckt haben. Jetzt appelliert Pishyar an die Genfer Wirtschaft und Öffentlichkeit, den Verein stärker zu unterstützen - sonst sei die Lizenz in Gefahr. Bisher hatte sein "Appel aux genevois" keinen großen Erfolg. (Klaus Bonanomi, DER STANDARD, Printausgabe, 3.12.2012)

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    Xamas Neuchatel ist wirklich im Eck.

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