Pionierin im Parlament

10. Juni 2003, 20:09
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Olga Rudel-Zeynek war als erste Frau Vorsitzende des Bundesrates

Wien - Im Jahr 1927 war Olga Rudel-Zeynek weltweit die erste Präsidentin einer parlamentarischen Kammer und schrieb damit Geschichte. Am Dienstag stellten Bundesratspräsident Herwig Hösele und Landeshauptfrau Waltraud Klasnic aus diesem Anlass eine von der Parlamentsdirektion edierte Broschüre vor.

Präsident Hösele gedachte in seiner Rede des 75. Jahrestags der Kür von Olga Rudel-Zeynek zur ersten Präsidentin eines Parlaments und sagte, diese Politikerin habe in einer damals geschlossenen Männergesellschaft pionierhaft für die Frauen in Politik, Wirtschaft und Kultur gewirkt. Dementsprechend sei es das Anliegen des Bundesrates gewesen, Rudel-Zeynek zu würdigen.

Biografisches

Geboren wurde Olga von Zeynek am 28. Januar 1871 in Olomouc (Olmütz) im Nordosten der heutigen Tschechischen Republik. Ihr Vater war dort Direktor der Lehrerbildungsanstalt. Später wurde er Landesschulinspektor für Schlesien, und die Familie zog darum nach Troppau um. Zeynek absolvierte die Bürgerschule und anschließend die Höhere Töchterschule im Ursulinenkloster Freiwaldau. 1892 kam die Familie nach Wien, wo Olga Zeynek fünf Jahre später den Offizier Rudolf Rudel heiratete. An seiner Seite lebte sie in den letzten Jahren der Monarchie in verschiedenen Garnisonsstädten, so in Novi Sandec, Triest, Lemberg, Sopron und Tarnopol.

Schriftstellerisch tätig

Der Kriegsbeginn überraschte Zeynek in Graz, wo sie Verwandte besucht hatte, wo sie auch während der gesamten Auseinandersetzung blieb. Ihr Mann kehrte 1915 aus dem Feld nach Wien zurück, wo auch die Ehe der beiden 1918 geschieden wurde. Zeynek begann sich jedoch schon während des großen Völkerringens karitativ zu betätigen und engagierte sich in katholischen Frauenverbänden. Sie half ehrenamtlich in einer Kriegsküche und verteilte Lebensmittel an Bedürftige. Gleichzeitig begann sie, Märchen und Erzählungen zu verfassen, die in verschiedenen steirischen Zeitungen erschienen, sodass sie bereits Ende 1917 vom "Grazer Volksblatt" "hiesige Schriftstellerin" genannt wurde.

Engagement für besseren Jugendschutz

Nach Ausrufung der Republik und der Zuerkennung des aktiven und passiven Wahlrechts engagierte sie sich im Wahlkampf für die Konstituierende Nationalversammlung, blieb jedoch ohne Mandat. Dafür gelang es ihr im Mai 1919, in den steiermärkischen Landtag einzuziehen, dem sie bis zum Herbst 1920 angehören sollte, ehe sie in den Nationalrat nach Wien wechselte. Dort kämpfte sie bis Mai 1927, zu welchem Zeitpunkt ihr Mandat erlosch, vor allem für einen besseren Jugendschutz und für mehr Sittlichkeit in der Gesellschaft.

Karitativer Einsatz

Im Mai 1927 entsandte sie der Landtag in den Bundesrat, dessen Mitglied sie bis April 1934 blieb. Zweimal, 1927/28 und 1932, amtierte sie während dieser Zeit als Vorsitzende des Bundesrates, was insofern geschichtsträchtig ist, als zuvor nirgendwo auf der Welt eine Frau einen solchen Posten bekleidet hatte. Nach dem Ende des demokratischen Parlamentarismus verlegte sich Zeynek- Rudel verstärkt auf karitative Tätigkeiten und ging auch ihrer Berufung als Schriftstellerin in verstärktem Maße nach. Sie erlebte noch die Wiedererrichtung des freien Österreich, doch verzichtete sie auf weitere politische Aktivitäten. Sie starb im August 1948 an den Folgen eines Schlaganfalls und wurde in Graz im Familiengrab beigesetzt. (red)

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