Luxuriös leben ohne Rücksicht auf Verluste

31. Jänner 2012, 06:16
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Mehr Produkte, mehr Müll, mehr Schadstoffe, mehr Wachstum: So geht es nicht weiter, meint ein Wissenschaftler und sammelt Alternativen

Am 1. Februar geht die die in Berlin gegründete Stiftung Futurzwei online. Die Stiftung hat die Ambition, die Zukunft anders zu gestalten, weil sie die Kultur der Verschwendung und der Produktion von Müll und Emissionen für nicht zukunftsfähig hält. Wie das gehen soll? Indem man Geschichten über real existierende Unternehmen zusammenträgt, die alles ganz anders machen, sagt Erfinder Harald Welzer.

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derStandard.at: Am 1. Februar geht die frisch gegründete Stiftung Futurzwei online. Was steckt hinter dem Namen?

Welzer: Futurzwei ist die grammatikalische Form der vollendeten Zukunft. Ich betrachte mich aus einem zukünftigen Grund heraus, im Bezug darauf, was ich dann getan haben werde. Ich werde gewesen sein und werde getan haben. Wir finden das ganz packend, weil man ein Bild einer wünschenswerten Zukunft braucht, in die hinein man sich entwerfen kann, um überhaupt mit der Wirklichkeit vernünftig umgehen zu können.

derStandard.at: Das klingt sehr intellektuell, hat aber einen recht praktischen Hintergrund.

Welzer: Das ist nicht intellektuell. Sie können damit sehr schön spielen. Erst mal muss man sagen, die Zukunft des 21. Jahrhunderts muss eine andere sein als die des 19. und 20. Jahrhunderts. Mit Industrie und Wachstum kommen wir nicht durch das 21. Jahrhundert, also brauchen wir eine zweite Zukunft. Dann haben Sie Spielmöglichkeiten mit der anderen Bezeichnung, die vollendete Zukunft oder das Futurum exaktum - das hat schon auch eine gewisse Poesie.

derStandard.at: Von der Poesie zur Realität: Beim Weltwirtschaftsforum in Davos gab es viel Kapitalismuskritik - und das nicht nur im Lager der Occupy-Aktivisten. Fühlen Sie sich in Ihrer Idee bestätigt?

Welzer: Ich würde nicht so ernst nehmen, was auf solchen Treffen geredet wird. Aber ernst nehmen muss man, dass unser wirtschaftliches und gesellschaftliches Modell nicht zukunftsfähig ist, weil wir uns in einer permanenten Beschleunigung der Ressourcenübernützung befinden. In einer permanenten Beschleunigung der Produktion von Emissionen und Müll. Wir haben da trotz ergrünten Bewussteins jedes Jahr Steigerungsraten. Ob man das jetzt Kapitalismuskritik oder Modernekritik nennt, ist noch nicht klar, weil wir auch keine Theorie über den Verfallszustand von Gesellschaften unseres Typs haben.

derStandard.at: Genau dieses System hat uns als Gesellschaft aber so wohlhabend wie nie zuvor gemacht. Bringt es Ihrer Ansicht nach mehr Verlierer als Gewinner hervor?

Welzer: Ich würde Ihnen zustimmen, dass dieses System uns alle zivilisatorischen Fortschritte gebracht hat, die wir ja auch nicht mehr aufgeben wollen: allgemeine Gesundheitsversorgung, Bildungssystem, Rechtsstaatlichkeit. Die große Frage, die sich jetzt stellt, ist: Wie können wir das bei verringertem Ressourcenaufwand aufrechterhalten, und das heißt ganz deutlich: bei veränderten Lebensstilen? Es ist ganz klar eine Illusion, dass man die nachhaltige Welt nur durch Verändern von technologischen Features schaffen könnte oder dass man diesen extrem luxuriösen Lebensstil aufrechterhalten und gleichzeitig nachhaltig leben könnte. Wie kann ich mit weniger hohe Lebensqualität realisieren? Das ist die Aufgabe, vor der man jetzt steht.

derStandard.at: Das Schlagwort lautet auch bei Ihnen Nachhaltigkeit. Ein Begriff, den sich alle Konzerne mittlerweile auf ihre Fahnen heften, was heftig als "Greenwash" kritisiert wird. Wollen Sie sich da abgrenzen?

Welzer: Sich davon abzugrenzen ist sehr notwendig, weil man klarmachen muss, dass man in einer Wirtschaft, die auf Wachstum setzt, gar nicht nachhaltig sein kann. Weil in diesem Wirtschaftsprinzip die permanente Erhöhung des Ressourcenaufwands einfach systemisch ist. Man kann derzeit kein einziges Unternehmen im Internet anklicken, ohne dass man das Leitbild findet, dass sie nachhaltig sind, keine Autowerbung anklicken, ohne auf die Aussage zu stoßen, dass sie blau oder grün sind. Das ist natürlich alles Quatsch. Jede Statistik über Materialverbrauch gibt darüber Auskunft, dass wir jährlich im Materialverbrauch Steigerungsraten zwischen vier und sechs Prozent haben. Im Moment ergrünt also gar nichts.

derStandard.at: Wie ist Ihr Ansatz, das zu verändern?

Welzer: Wir zeigen anhand real existierender Projekte, wie man aus dieser permanenten Aufwandserhöhung rauskommt, indem man andere Formen der Wertschöpfung entwickelt. Es gibt Unternehmen, die erklären, wir wollen gar nicht wachsen, es gibt kommunitäre Formen von Nachbarschaftsgärten. Da gibt es eine Fülle von real existierenden Projekten, die in ihrer Wirksamkeit und Bedeutsamkeit als Labore einer möglichen anderen Zukunft noch nicht hinreichend erkannt sind. Die Aufgabe von Futurzwei ist, dass die Sichtbarkeit dieser Labore einer zukunftsfähigen Gesellschaft erhöht wird.

derStandard.at: Auch diese Unternehmen müssen etwas veräußern. Muss man nicht im Endeffekt die Konsumenten erreichen, um ihnen zu sagen, es gibt Alternativen?

Welzer: Das kann sich der Konsument auch selbst denken. Insofern kann man auch über eine Koalition zwischen Produzenten und den Konsumenten nachdenken. Es ist ja keineswegs so, dass alle Menschen glauben, sie müssten das alles haben, was auf dem Markt existiert. Mittlerweile erkennen Menschen auch, dass sie sich ihre Welt vollstellen durch diese Fülle von Produkten, die ständig neu erfunden werden. Man muss nur an den eigenen Haushalt, rein an die materiellen Produkte denken: Vor 20 Jahren hatte man erheblich weniger. Man kann mittlerweile auch nachweisen, wie viel Zeit die Menschen dafür aufwenden, unter diesen ganzen Produkten, die sie eigentlich nicht brauchen, die richtige Konsumentscheidung zu treffen. Die hängen Stunden und Tage im Internet herum, studieren irgendwelche Empfehlungen oder Testberichte und kommen überhaupt nicht mehr dazu, darüber nachzudenken, ob sie das Produkt selbst überhaupt brauchen.

derStandard.at: Welches Projekt, das Sie vorstellen, beschreibt am eindrücklichsten die Idee von Futurzwei?

Welzer: Das Eindrücklichste für Deutschland sind die mittlerweile schon sehr bekannten Schönauer Stromrebellen. Das war ursprünglich eine Bürgerinitiative, die angefangen hat, selbst für die Gemeinde Strom zu produzieren. Mittlerweile versorgen sie mehr als 100.000 Kunden in Deutschland, darunter auch Unternehmen - alles nur mit erneuerbarer Energie. Es handelt sich dabei nicht um eine Ausgründung eines etablierten Energiekonzerns. Das ist eine eigenständige Entwicklung, wo man als Kunde nicht nur Kunde ist, der Strom bezieht, sondern mit seiner Gebühr gleichzeitig wiederum andere Projekte fördert. Wir machen eigentlich Unternehmen und Initiativen sichtbar, die auch ihren Unternehmenszweck verändern. Bei dieser Initiative geht es nicht klassisch darum, den Jahresgewinn zu erhöhen, sondern hier funktioniert das Unternehmen im Grunde genommen nur als Mittel zu dem Zweck, Gesellschaft, Energiekonsum, das Verhältnis zum Energieverbrauch zu verändern.

derStandard.at: Sie stellen uns also eine Art Führer für ein gutes Leben zur Verfügung?

Welzer: Wenn Sie so wollen, ist es ein Gourmetführer mit Möglichkeiten des guten Wirtschaftens und des guten Lebens. Da kann man sicher Dinge finden, die man selbst nachmachen kann. Unsere Akteure sind interessante Personen, und die Geschichten, die man darüber erzählen kann, sind auch interessant. Auch weil sie nicht Verzichts- oder Katastrophengeschichten sind.

derStandard.at: Was Sie unterstützen, ist also eine Art außerparlamentarische Opposition. Sie wollen die Zivilgesellschaft motivieren. Aber wer beschert uns die Politik, die uns in eine nachhaltige Zukunft führt?

Welzer: Selbstverständlich muss die Politik Rahmenbedingungen dafür schaffen, dass man diese gesellschaftliche Transformation auch hinkriegt. Das ist aber ein Feld, das traditionell von sehr vielen NGOs schon bespielt wird. Wir gehen den anderen Weg und schauen darauf, was in der Gesellschaft als Potenzial schon vorhanden ist.

derStandard.at: Wann ist Futurzwei für Sie ein Erfolg?

Welzer: Eigentlich ist das jetzt schon ein Erfolg. Die Idee, dass man gute Geschichten über eine mögliche andere Zukunft erzählt, scheint für viele Leute wahnsinnig attraktiv zu sein. Wir sind es ja gewohnt, wenn wir über Nachhaltigkeit sprechen, sofort das Katastrophenszenario vor Augen zu haben. Wir drehen die Perspektive um und sagen, wenn wir eine gute Gesellschaft schaffen wollen, brauchen wir auch gute Geschichten. Das scheint irre einleuchtend und attraktiv zu sein. Aus meiner wissenschaftlichen Arbeit heraus würde ich auch sagen, dass Sie mit Negativkommunikation überhaupt kein Verhalten verändern. Das, was unsere Konsumgesellschaft bietet, ist viel zu attraktiv, als dass man sagt, weil der Klimawandel uns bedroht, müssen wir jetzt unser Niveau heruntersetzen. Aber wenn man sagt, wir können es schaffen, eine autofreie Stadt zu haben oder viel qualitätsvolleres Wohnen, und dabei auch noch Nachhaltigkeitsziele erreichen, ist das auch psychologisch viel interessanter. (Regina Bruckner, derStandard.at, 31.1.2012)

Harald Welzer gilt als einer der führenden deutschen Sozialpsychologen. Mit zahlreichen Publikationen hat er sich als Gedächtnisforscher internationales Ansehen erworben, unter anderem mit "Das kommunikative Gedächtnis" (2002) und "Täter. Wie aus ganz normalen Menschen Massenmörder werden" (2005). Zum Bestseller wurde "Klimakriege. Wofür im 21. Jahrhundert getötet wird" (2008), worin er die wohlhabenden Industrieländer der Welt zu einer radikalen Umkehr im Konsumverhalten aufruft. Außerdem erschien von ihm der gemeinsam mit Klaus Wiegandt herausgegebene Band "Perspektiven einer nachhaltigen Entwicklung".

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    Harald Welzer: Es ist ja keineswegs so, dass alle Menschen glauben, sie müssten das alles haben, was auf dem Markt existiert.

  • Harald Welzer ist Direktor des Center for Interdisciplinary Memory Research in Essen. Er forscht zu Erinnerung, Gruppengewalt und kulturwissenschaftlicher Klimafolgenforschung.
    foto: kwi/welzer

    Harald Welzer ist Direktor des Center for Interdisciplinary Memory Research in Essen. Er forscht zu Erinnerung, Gruppengewalt und kulturwissenschaftlicher Klimafolgenforschung.

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