Rundschau: First We Lose Manhattan

    Ansichtssache4. Februar 2012, 10:21
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    Hervorragend bis schauderhaft schlecht: Neue Bücher von Carol Emshwiller, Iain Banks, Dan Simmons, Steve Alten und Will Elliott

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    coverfoto: golkonda

    K. J. Parker: "Purpur und Schwarz"

    Broschiert, 126 Seiten, € 15,40, Golkonda 2012 (Original: "Purple and Black", 2009)

    Trotz des neuen Romans von Iain Banks waren es in dieser Rundschau die Werke zweier(?) Frauen, die den nachhaltigsten Eindruck hinterlassen haben: Zum einen die Story-Sammlung von Carol Emshwiller, zum anderen dies hier. Nachdem mir aus gewöhnlich zuverlässiger Quelle bestätigt wurde, dass es sich tatsächlich um eine Autorin handelt, nehme ich diese Information mal grummelnd als Arbeitshypothese hin. Aber irgendwie nervig ist die Geheimniskrämerei um "K. J. Parker" schon. Vollstes Verständnis dafür, wenn jemand in der Öffentlichkeit nicht mit dem Namen aufscheinen will, der daheim am Türschild oder beim Brotjob in der Firmenbuchhaltung aufscheint. Aber wenn die Fama stimmt, dass es sich um eine Autorin handelt, die sonst unter anderem Namen schreibt und die betreffenden Werke nicht mit den als K. J. Parker veröffentlichten in Zusammenhang bringen will, weil sie so "anders" seien, dann geht es nicht mehr um Schutz der Privatsphäre, sondern nur noch um ein Marketingkalkül. Ob das ein ähnlich schützenswertes Gut ist, sei mal dahingestellt.

    Aber gut, genug gegrantelt. Und das ist auch schon das einzig Negative, das mir hierzu einfällt. Ist ja kein Zufall, dass Parker trotz sinkender Fantasy-Quote in der Rundschau nun schon zum dritten Mal aufscheint; nach "The Company" und "Blue and Gold" erstmals mit einer Veröffentlichung auf Deutsch. Parker schreibt einfach die perfekte Fantasy für Science-Fiction-LeserInnen, nicht nur wegen des Fehlens von Magie und "Völkern", sondern vor allem wegen des Fehlens von schablonisierten Handlungsabläufen und Figuren, die sich in eine Archetypen- (oder Stereotypen-)Schublade stecken ließen. Kurz: Hier lässt sich nicht schon am Anfang absehen, was am Ende rauskommen wird, und das ist ausgesprochen befreiend.

    Mit einigen Verweisen auf frühere Romane führt uns Parker wieder in jene präindustrielle Welt, die die einen als "antik" beschreiben (wofür einiges spricht, auch wenn die griechisch-römischen Namen da vielleicht einiges überdecken, das einer solchen Zuordnung widerspricht), andere als "mittelalterlich" (wozu wiederum andere Indizien passen), die dritten als "renaissancezeitlich". Machen wir's kurz: Es gibt hier börsennotierte Unternehmen, die Sklaven halten - jeder bestimme selbst, welches historische Etikett er der fiktiven Welt Parkers aufkleben will. Ökonomie und Politik sind jedenfalls die bestimmenden Kräfte, und im Vesani-Kaiserreich, das an früherer Stelle schon mal als Vesani-Republik beschrieben worden war, ist mit Nicephorus V. ein neuer Herrscher an die Macht gekommen. Eher unfreiwillig; nachdem sich der Rest seiner erlauchten Familie in Bürgerkriegen wechselseitig ausgelöscht hat, ist einfach niemand anderer mehr da. Nicephorus versucht das Beste aus der Situation zu machen und seinem Reich einen Modernisierungsschub zu verpassen - gleichzeitig gilt es seine brüchige Machtposition zu festigen, und dafür besetzt er wichtige Posten mit Freunden aus Studententagen. Einer davon ist Phormio, und der wird als Statthalter in eine von Aufständen bzw. Überfällen heimgesuchte Grenzprovinz geschickt. Wiederum höchst unfreiwillig.

    Desillusionierung, eines der zentralen Elemente in Parkers Romanen, kann auch komisch sein. Etwa wenn sich Jungakademiker Phormio in seinem ersten Brief an Nicephorus über die mühsame Reise in "seine" neue Provinz beschwert und nebenbei die Frage "Du hast nicht zufällig ein Buch über's Regieren?" einbaut. Da werden Gefangene ins Innere einer Mühle und eines Uhrwerks geführt, um ihnen nichtvorhandene Folterinstrumente vorzugaukeln, da engagiert der Kaiser einen Fälscher, der ihn mit ausreichend offizieller Purpurtinte versieht, wenn ihm die hofeigene Bürokratie den Hahn abdreht, um ihn am Regieren zu hindern. Der Ton der Erzählung liegt also näher an dem von "Blue and Gold" als am kalten Zynismus von "The Company" ... andererseits hatte ja sogar der seine Pointen, und die Leichtigkeit von "Blue and Gold" sollte sich ihrerseits als trügerisch erweisen. Tatsächlich liegt bei Parker hinter so gut wie jeder Ecke eine Leiche (meistens hat sich der Mord dann ereignet, wenn man grade nicht hingeschaut hat), und auch in "Purpur und Schwarz" kommt es zu jeder Menge beiläufig erwähnter Gewalt. Persilweiße Fantasy-Helden sucht man bei Parker vergeblich - wie heißt es doch so schön: Mit dem Idealismus ist es wie mit den Pickeln und dem Wichsen: Das ist so eine Phase, die man durchmacht, und irgendwann wächst man da raus.

    Mit der Form unterstreicht K. J. Parker ihre/seine erbarmungslos nüchterne Sicht der Dinge. "Purpur und Schwarz" ist als Briefroman geschrieben; eingeleitet wird die Korrespondenz zwischen Phormio und Nicephorus stets, wie es die Etikette gebietet ... worauf dann der eigentliche Inhalt im zwanglosen Umgangston zweier ehemaliger Kommilitonen folgt: "Phormio, Statthalter von Obertremissis, entbietet Seiner Heiligen Majestät Nicephorus V., dem Bruder der Unbezwingbaren Sonne, Vater seines Volkes, Verteidiger des Glaubens, Kaiser der Vesani, seine Grüße. (...) Gar keine Frage, Du bist ein Mistkerl durch und durch." Klar, dass das für Komik sorgt, doch Parker-Fans werden sich rasch fragen, ob diese eher oberflächliche Diskrepanz nicht auch eine tiefergehende vorbereitet. Immerhin ist die Autorin eine Meisterin darin, einem ProtagonistInnen vorzusetzen, denen man besser keinen Millimeter über den Weg trauen sollte. Wie sich dies in "Purpur und Schwarz" auswirken wird ... selber lesen. Es lohnt sich!

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