Rasterfahndung nach globalisiertem Unkraut

24. Jänner 2012, 18:24
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Die hochallergenen Pollen der Beifuß-Ambrosie bringen immer mehr Nasen zum Niesen - Um geeignete Gegenmaßnahmen zu finden, rekonstruieren Naturschutzexperten gemeinsam mit Physikern die Ausbreitung des Krauts

Jetzt können Pollenallergiker noch tief durchatmen, bevor heimische Bäume und Gräser wieder zum Angriff auf die Schleimhäute ansetzen. Die Ausbreitung der eingeschleppten Beifuß-Ambrosie über Ostösterreich verschärft die Situation: Sie hat die allergensten Pollen aller bei uns vorkommenden Pflanzen und verlängert die Allergiesaison bis in den Frühherbst. Nun haben Forscher in einem von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften finanzierten Projekt die Ausbreitung des Ackerunkrauts seit dem ersten Fund 1883 am Bahnhof Innsbruck rekonstruiert, um einiges für die Bekämpfung zu lernen.

Ambrosia artemisiifolia, in ihrer Heimat Nordamerika "ragweed" genannt, gehört zu den erfolgreichen Neobiota. Als Neobiota bezeichnet man Pflanzen und Tiere, die innerhalb der letzten 500 Jahre durch den Menschen an Orte gekommen sind, die sie von alleine nicht erreicht hätten.

Franz Essl, Naturschutzexperte im Umweltbundesamt, formuliert einen Steckbrief: Ambrosia artemisiifolia ist einjährig, das heißt, sie braucht vom Keimen bis zum Ausstreuen der Samen ein Jahr. Die windbestäubte Pflanze produziert massenhaft Pollen und Samen, die viele Jahre keimfähig bleiben. Sie ist ein konkurrenzstarkes Ackerunkraut und profitiert auch von einem moderaten Temperaturanstieg im Zuge des Klimawandels. Drei allergieauslösende Verwandte sind auf dem Vormarsch. Europaweit ist die Beifuß-Ambrosie in Südosteuropa und Südfrankreich schon weit verbreitet, in Ungarn ist sie bereits das häufigste Unkraut überhaupt.

Eingeschleppt wurde die Beifuß-Ambrosie Ende des 19. Jahrhunderts mit Saatgut aus den USA. Wie sie sich dann ausgebreitet hat, rekonstruierten die Fachleute vom Umweltbundesamt anhand von 697 Funden aus Herbarien, dem Kataster zur Flora Österreichs, wissenschaftlicher Literatur und weiteren Daten, geordnet nach Jahr und Lebensraumtyp.

Verbreitung am Wegesrand

"Wir sehen auf der Zeitachse einen typischen Verzögerungseffekt seit dem ersten Fund 1883. Bis 1940 war die Ambrosie selten und vereinzelt. Ab 1952 treten erste stabile Bestände auf und etablieren sich lokal, ab 1980 setzt die rasante Ausbreitung ein. Mehr als ein Drittel der Funde werden ab 2000 verzeichnet. In den vergangenen zehn Jahren hat sich die Ausbreitung noch einmal deutlich beschleunigt", schildert Franz Essl. Wo in Österreich die Pflanze sesshaft wird, hängt am stärksten vom Faktor Wärme ab.

Wirklich in Schwung kam die Ausbreitung ab 1970 an den Straßenrändern entlang der Hauptverkehrsrouten. Seit 1980 kommt die Beifuß-Ambrosie auf Äckern in Österreich vor - ein Lebensraum, der 16,3 Prozent der österreichischen Staatsfläche umfasst. An diesen beiden Standorten müssten Maßnahmen ansetzen.

Auffallend waren nicht zuletzt Funde unter Vogelhäusern. Das Ackerunkraut und die Sonnenblume, beides Korbblütler, wachsen nebeneinander, wenn keine spezifischen Herbizide verwendet werden. Durch ungereinigtes Saatgut wurden sie oft gemeinsam ausgesät. Inzwischen schlummern die Samen bereits im Boden und warten darauf, dass die Krume für Nutzpflanzen im Frühling aufbereitet wird. In diesem Winter können Vogelfreunde erstmals beruhigt Kerne ausstreuen, ohne der Ausbreitung der Ambrosie Vorschub zu leisten. Seit 2011 ist eine EU-Verordnung zur Regelung von Vogelfutter-Verunreinigungen in Kraft.

Invasive Arten sind ein Nebeneffekt der Globalisierung, die Mittel für ihre Bekämpfung stets beschränkt. Die Beifuß-Ambrosie diente also auch als Modell zum besseren Verständnis der Prozesse, die über Erfolg und Misserfolg bei der Ausbreitung eingeschleppter Pflanzenarten entscheiden.

Ausbreitungsmodelle

Um mehr darüber zu erfahren, legte das Umweltbundesamt einen Raster mit einer Zellgröße von 35 Quadratkilometern über Österreich und kombinierte ökologische Ausbreitungsmodelle mit solchen aus der Diffusionsphysik. Gemeinsam mit Robert Richter von der Fakultät für Physik und Stefan Dullinger vom Fakultätszentrum für Biodiversität der Uni Wien wurde simuliert, wie die effizienteste Bekämpfungsstrategie konzipiert werden soll.

Am besten schnitten - bei gleichem Mitteleinsatz - jene Programme ab, welche die Eignung von Gebieten als Lebensraum für die Ambrosie einbezogen. "Die Unterscheidung in zu überwachende und nicht zu überwachende Zellen wird verbessert, ebenso wie der Pool, aus dem Gebiete für jährliche Kampagnen ausgewählt werden", fasst Franz Essl zusammen. Damit lässt sich die Bekämpfung zielgerichteter umsetzen und die Anzahl "befallener" Zellen reduzieren.

Und was passiert, wenn nichts passiert? "In Ostösterreich ist die Ambrosie nicht mehr selten. Punktuelle Maßnahmen nützen nichts, aber auf nationaler Ebene kann viel erreicht werden. Alle Beteiligten müssen handeln", warnt der Naturschutzfachmann. Österreichs Flora und Habitattypen sind sehr gut dokumentiert. Das Vorkommen der Ambrosie und ihr potenzieller Lebensraum decken sich noch nicht. "Wenn nichts getan wird, ist mit mindestens der dreifachen Ausbreitung bis 2050 zu rechnen. Es wird immer noch teurer und schwieriger, sie loszuwerden, und irgendwann ist es dann auch zu spät", ist sich der Botaniker sicher. (DER STANDARD, Printausgabe, 25.01.2012)

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    Winzige Pollen (oben unter dem Mikroskop) mit großer Wirkung: Die Ambrosie (unten) ist ein äußerst hartnäckiges Ackerunkraut, das sich rasant ausbreitet.

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