Operettenleben nach dem Tod

23. Jänner 2012, 17:38
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Bernsteins "Candide" konzertant an der Volksoper

Wien - Es macht sich der Direktor des Hauses schon wieder - wie zuletzt beim Musical Die spinnen, die Römer! - mitten unter seinen Premieren-Sängern bequem, doch hat Robert Meyer tatsächlich abermals etwa zu sagen: Als Erzähler in Leonard Bernsteins Candide vermittelt er schließlich einen Abend lang den erklärenden Zwischentext von Vicco von Bülow (Loriot), der mit seiner (alle Schrecklichkeiten des Candide- Kosmos in stoische Ironie packenden) Schilderungskunst für sich schon den Besuch dieser konzertanten Premiere wert wäre.

Da ist natürlich viel mehr, nämlich die Hauptsache, die in Musical- und Operettenform gebrachte Novelle Candide oder der Optimismus; mit selbiger hat sich Voltaire seinerzeit (1759) satirisch mit der Theorie, wonach man "in der besten aller möglichen Welten" lebe, auseinandergesetzt. Leonard Bernstein tut Gleiches zwar nicht mit der melodischen Genialität seiner West Side Story. Doch die haarsträubenden Episoden des Stückes, die jedem Abenteuerroman zur irrwitzigen Ehre gereichen würden, bieten zahllose Möglichkeiten für die effektvolle Selbstdarstellung jener immer wieder von den Toten auferstehenden Charaktere.

Da wäre die edle Cunegonde, die - aus ihrer heilen Welt herausgerissen - als leichte Dame den Globus bereist, bis sie mit ihrem Candide (tadellos Stephen Chaundy) schließlich bürgerliche Ruhe zu erlangen versucht. Jennifer O'Loughlin verleiht Cunegounde theatrale Strahlkraft, wobei besonders die koloraturgeprägte Nummer Glitter And Be Gay zu einem nicht enden wollenden Applaus führte, da sich auch vokal Besonderes ereignet hatte.

Nicht minder schillernd in ihrer deftigen Schrillheit die Old Lady, deren (in Form eines Tangos durchgeführter) Kampf gegen die Schwerkraft Kim Criswell grandios vermittelt. Vollständig wird das Vergnügen mit dem lässigen Morten Frank Larsen (Pangloss/Martin) sowie der Leistung des restlichen Ensembles. Und auch das Orchester unter dem engagierten Joseph R. Olefirowicz zeigte, wie gekonnt Bernstein seine eklektische Ästhetik zu schillernden, gar nicht so leicht zu spielenden Arrangements gebündelt hat. (Ljubiša Tošić, DER STANDARD - Printausgabe, 24. Jänner 2012)

Termine: 24., 26. u. 29. 1. um 19.00

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