"Fürs Klima gibt's keine Ratingagenturen"

Interview22. Jänner 2012, 17:35
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Finanz- und Klimakrise haben das sorglose Nutzen von Ressourcen gemein, sagt der Umweltexperte Ernst Ulrich von Weizsäcker

Ernst Ulrich von Weizsäcker wünscht sich eine Klima-Ratingagentur, damit die Ressourcenverschwendung in Sachen Klima, bei der er viele Analogien zur Finanzkrise sieht, aufhört.

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STANDARD: Die Finanzkrise ist in aller Munde. Es geht um Milliarden - Geld, das die Menschen nicht sehen. Anders der Klimawandel. Der ist wahrnehmbar, hat aber nicht die Aufmerksamkeit. Warum?

Von Weizsäcker: Weil das Thema Klima hauptsächlich unsere Enkel etwas angehen und ihnen schaden wird. Das Thema Finanzkrise schadet uns heute.

STANDARD: Wie könnte man das Klima in den Vordergrund rücken?

Von Weizsäcker: Wir müssen einsehen, dass uns die gleiche Mentalität Finanz- und Klimakrise eingebrockt hat. Gelebt, gefeiert und verbraucht wird heute, bezahlt wird übermorgen. Wie jeder gute Kaufmann weiß, geht das irgendwann schief. In den ersten Wochen, Monaten oder Jahren merkt man das nicht. Hier muss man die entsetzlichen Ratingagenturen loben, die solche Schwachpunkte heute artikulieren und in Kosten umwandeln. Ohne die Zinsdrohung durch diese Agenturen wäre das erst morgen oder übermorgen ein Thema. Fürs Klima gibt's keine Ratingagentur.

STANDARD: Finanz- und Klimakrise stellen Sie in einen ursächlichen Zusammenhang?

Von Weizsäcker: Sorgloser Umgang mit Geld und mit der Umwelt haben gemeinsam diese Finanzkrise ausgelöst. Das kann man in einer logischen Kette festmachen, die USA haben sich da besonders hervorgetan. Der fast heiliggesprochene Präsident Ronald Reagan hat in den 1980er-Jahren das Glück gehabt, dass die zuvor hohen Ölpreise gepurzelt sind. Für das Eigenheim im Grünen war kein Bargeld nötig - es konnte auf Pump gebaut werden. Die Folge war eine Verdoppelung der Pendlerentfernung zwischen dem Amtsantritt von Reagan und dem Ausbruch der Finanzkrise. Als weder Öl noch Haus mehr leistbar waren, ist alles zusammengebrochen.

STANDARD: Wohin man schaut, werden Sparpakete geschnürt. Bleibt der Umweltschutz auf der Strecke?

Von Weizsäcker: Der Staat hat kein Geld mehr. Er hat alles in die Rettung der Kreditwirtschaft gesteckt. Der staatliche Umweltschutz ist völlig unter die Räder gekommen. Aber das heißt nicht, dass ein Hauseigentümer in Wien deshalb keine Sanierung machen könnte. Es wäre bei den heutigen Energiekosten rentabel. Allerdings mit Amortisationszeiten, die in der Privatwirtschaft verachtet werden. Das dauert 15 Jahre. Die Wirtschaft hingegen hält alles über zwei Jahren für unzumutbar.

STANDARD: Was sind die Konsequenzen dieser staatlichen Einsparungen?

Von Weizsäcker: Akut geschieht der Umwelt kein großer Schaden, wenn heute nicht viel staatliches Geld da ist. Die kurzfristigen Umweltsorgen, die hat man seit den 1970er-Jahren im Wesentlichen erledigt. Der Wörthersee ist heute zum Beispiel wieder sauber. Die langfristigen Geschichten merken wir hingegen nicht sofort.

STANDARD: Die Treibhausgasemissionen Österreichs sind 2010 im Vergleich zum Vorjahr wieder um 4,9 Millionen Tonnen gestiegen. Hat die Umweltpolitik versagt?

Von Weizsäcker: Ja. Immerhin ist Österreich finanziell geschädigt durch das Verfehlen der Kyoto-Vorgaben und muss ordentliche Strafen zahlen. Die CO2-Emissionen steigen, und das ist auch ein äußerst schlechtes Vorbild für die Entwicklungsländer. Die sagen: Selbst ihr, die ihr schon alles habt, kommt nicht ohne zusätzliches CO2 aus? Was sollen wir da eigentlich machen? Die Verhandlungen beim Weltklimagipfel in Durban waren dadurch belastet. Weil viele Länder sich so schlecht verhalten haben, gab es überhaupt keinen Anlass, etwas zu machen. Außer darauf zu pochen, dass das Kyoto-Protokoll weitergeht. Die Kanadier, Japaner und Australier, die wollten Kyoto ja sang- und klanglos sterben lassen. Der Ausstieg Kanadas hat mich überhaupt nicht überrascht.

STANDARD: Warum klappt die Abkopplung des Wirtschaftswachstums vom Energieausstoß nicht?

Von Weizsäcker: Klimaverhandlungen bekommen erst dann einen Sinn, wenn der Beweis gelingt, dass man trotz Klimaschutz mindestens gleich reich bleiben kann. Entwicklungsländer hingegen müssen reicher werden. Ich bin überzeugt, dass man aus einer Tonne Kohle oder aus einer Megawattstunde Wasserkraft fünfmal so viel Wohlstand herausholen kann. Die Nation, die das tut, wird reicher, nicht ärmer. Das ist ökonomisch vernünftig. Dazu sind Investitionen nötig. Und das kostet.

STANDARD: Wie schafft man Energieeffizienz?

Von Weizsäcker: Wenn wir heute jammern, dass der Strom zu teuer ist, ist das die Folge von technologischer Unterentwicklung und Faulheit. Österreich könnte seinen erhöhten Komfort in Bezug etwa auf Computer mit deutlich weniger Energie befriedigen, wenn die jeweils effizienteste Technologie eingesetzt würde.

STANDARD: Wo müsste Energie effizienter eingesetzt werden?

Von Weizsäcker: Das Wichtigste ist die Gebäudesanierung. Dann folgen Haushaltsgeräte. Das Drittwichtigste ist die energieintensive Industrie. Es gibt eine Studie von Roland Berger, dass die deutsche energieintensive Industrie etwa 100 Milliarden Euro einsetzen könnte, um bis 2050 etwa 500 Milliarden Euro zu sparen.

STANDARD: Neben Effizienz sind vor allem erneuerbare Energiequellen ein Thema. Deren Einsatz wird zwar forciert. Durch erhöhten Strombedarf - seit 1990 um 38 Prozent - ist der Anteil erneuerbarer Energiequellen in Österreich insgesamt aber gesunken. Warum?

Von Weizsäcker: Das überrascht mich. In Deutschland ist das anders. Strom ist leider immer noch relativ billig.

STANDARD: Die Märkte haben recht eindrucksvoll gezeigt, dass ihnen Umweltschutz nicht sonderlich viel wert ist. Wie können diese zum Umdenken gezwungen werden?

Von Weizsäcker: Mit Markteingriffen. Energie muss teurer werden. Die Märkte versuchen ja, die Energie so billig wie möglich zu machen. Das ist der Sinn der Konkurrenz. Mir schwebt eine Art Preiskorridor vor: Die Energie wird gerade um so viel Prozent teurer, wie im Vorjahr die Effizienz zugenommen hat. Wenn man das für 100 Jahre festklopft, wird das Land immer energieeffizienter.

STANDARD: Glauben Sie noch an die Energiewende?

Von Weizsäcker: Die Hauptsache ist, dass Energie für die großen Verbraucher vorhersehbar immer teurer wird, wenn sie bei ihren alten Technologien bleiben. Ich benutze gerne das Beispiel Japan: Da hat man in den 1970er-Jahren hohe Energiepreise eingeführt. Die Folge war eine rasante Technologieentwicklung, ein Resultat war etwa die Digitalkamera.

STANDARD: Was ist im Moment die effizienteste Energiequelle?

Von Weizsäcker: Die Wasserkraft ist eine der angenehmsten. Aber die ist in Österreich im Wesentlichen ausgereizt. Windenergie ist prima. Fotovoltaik ist pro Kilowattstunde ziemlich teuer. Biomasse als Energierohstoff ist hingegen nicht sehr sinnvoll.

STANDARD: Wie sieht die Energieversorgung der kommenden Generation aus?

Von Weizsäcker: Wenn ich eine Prognose machen soll: Man wird mit viel, viel Mühe den heutigen Energiebedarf stabilisieren. Vielleicht wird der Energieverbrauch sogar zunehmen. Das heißt, ich würde meine Schlachten verlieren. Wenn ich aber in die Kristallkugel blicke, könnte man in 40 Jahren idealerweise auf die Hälfte des heutigen Energieverbrauchs zurückgehen - ohne jeden Wohlstandsverzicht. (David Krutzler, DER STANDARD, Langfassung des in der Printausgabe erschienenen Artikels, 23.1.2012)

Zur Person: Ernst Ulrich Von Weizsäcker (72) gilt als einer der renommiertesten internationalen Umweltexperten. Der in Zürich geborene Deutsche ist diplomierter Physiker und promovierter Biologe. Er war unter anderem Präsident des Wuppertal-Instituts für Klima, Umwelt, Energie. Für die SPD saß der Träger des Deutschen Umweltpreises 2008 im Bundestag. Von Weizsäcker war auf Einladung der Energie Allianz Austria, der Vertriebstochter von Wien Energie, EVN, Bewag und Begas, in Wien.

  • Energie effizienter einsetzen: Ernst Ulrich von Weizsäcker.
    foto: standard/robert newald

    Energie effizienter einsetzen: Ernst Ulrich von Weizsäcker.

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