Der Volksheld, der keiner sein wollte

19. Jänner 2012, 18:31
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Arzt Raed Arafat löst eine Protestwelle in Rumänien aus

Nicht jeder in Rumänien kennt Raed Arafat, aber jeder kennt den von ihm aufgebauten Rettungsdienst Smurd. In den 90er-Jahren hatte der nach Rumänien emigrierte Palästinenser mit knappen Mitteln - er adaptierte einen Opel Kadett zu einem Rettungswagen - angefangen. Heute gilt Smurd europaweit als mustergültig, und selbst als Unterstaatssekretär ließ Arafat es sich nicht nehmen, noch ab und zu einen Hubschraubereinsatz mitzufliegen.

Bereits als Schüler gründete Arafat an der Schule in seiner Heimatstadt Nablus eine Rettungseinheit. Als er mit 17 von zu Hause wegging, musste er seinem Vater versprechen, in Rumänien aufs Polytechnikum zu gehen, um Ingenieur zu werden. Einmal angekommen, wechselte er aber innerhalb von 24 Stunden zur Medizin. Gleich nach dem Studium begann er, mit Unterstützung aus Großbritannien, Deutschland und Norwegen, in einem Containerbau die erste moderne Notaufnahme Rumäniens aufzubauen. Heute gibt es den Smurd-Dienst in 36 der 41 Landkreise. Er kann in Notfällen 14.000 Menschen mobilisieren.

Letzte Woche trat der heute 47-Jährige aus Protest gegen die Gesundheitsreform von seinem Amt als Unterstaatssekretär im Gesundheitsministerium zurück und löste damit in ganz Rumänien Solidaritätsproteste aus. Arafat hatte sich mit Staatschef Traian Basescu angelegt - und gewonnen. Das neue Gesundheitsgesetz wurde zurückgezogen, und Arafat nahm auf persönliche Einladung von Premier Boc sein Amt wieder auf, um an einem neuen Gesetz mitzuwirken.

"Die Proteste haben nichts mehr mit mir zu tun", sagt Arafat heute und warnt vor einer Politisierung der Gesundheitsdebatte. Tatsächlich versucht die Opposition die Demonstrationen zu vereinnahmen. Und Ex-Staatschef Ion Iliescu stilisierte Arafat zum "neuen Tökes", in Anspielung auf jenen Pastor, dessen Protest gegen das kommunistische Regime 1989 Solidaritätskundgebungen ausgelöst hatte. Arafat selbst hatte sich während der rumänischen Revolution freiwillig beim Rettungsdienst in Cluj gemeldet, wurde jedoch heimgeschickt, weil das Risiko bestand, dass er mit einem Terroristen verwechselt wird.

Heute ist er für viele "der informelle Gesundheitsminister", pragmatisch und kompetent. Das macht ihn - ungewollt - zum Volkshelden. "Raed Arafat hat mehr bewegt als die Regierung und die Opposition zusammen", sagt ein Demonstrant. (DER STANDARD-Printausgabe, 20.01.2012)

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    Raed Arafat.

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