Polittheater für das Hier und Jetzt

19. Jänner 2012, 18:06
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Kunst für und über die politische Verfasstheit des Landes: Mit formal radikalen Mitteln zeigt das Teatr.doc, wie nah gesellschaftskritisches Theater der Wirklichkeit kommt

Schwierig sei das Theater zu finden, erklärt eine Figur im Stück Casting, das Machtverhältnisse bei Casting-Prozessen fürs Fernsehen thematisiert: "Es ist wichtig, den richtigen Eingang zu erwischen, nebenan hausen Obdachlose." Kein Zweifel, Teatr.doc kokettiert mit seiner Lage im verwinkelten Moskauer Stadtzentrum, in dem man schnell einmal die Orientierung verliert. Und das Theater "residiert" in einem versteckten Hinterhofkeller, der im Eingangsbereich den Charme eines Rohbaus vermittelt.

Teatr.doc, das im Februar seinen zehnten Geburtstag feiert, ist deutlich mehr als eine kleine Off-Bühne in einer heruntergekommenen Immobilie. Es gilt in der Stadt als einer der heißesten Orte für politisch engagiertes Theater und als zentrale Bühne für neue russische Theaterexperimente, die sich mit dem Hier und Jetzt beschäftigen. Man sei, erklärt Dramaturgin Jekaterina Bondarenko, eine Antwort auf das traditionelle russische Theater, das in seinen besten Ausprägungen von Regisseuren wie Anatolij Wasiljew oder Pjotr Fomenko verkörpert werde: "Schön, dass noch immer die Publikumslieblinge Tschechow, Gogol oder Shakespeare inszeniert werden - dafür gibt es in Moskau auch ein großes Angebot. Nur entwickelt sich diese Form nicht mehr weiter."

Die Abgrenzung gegenüber der mächtigen lokalen Tradition und ihren pathetischen Inszenierungen hat dabei auch mit dem Verbatim theatre zu tun. Diese etwa am Londoner Royal Court praktizierte Theaterform bringt dokumentierte Realitäten auf die Bühne. In seiner puris- tischen Form sei man von Verbatim abgekommen, sagt Bondarenko: Es gebe etwa mittlerweile ein gewisses Improvisieren mit den Darstellern.

Das Theater zeigt aber auch Texte einer aktuellen Dramatikergeneration, die sich durch ihren gesellschaftskritischen Spin auszeichnen - und tut dies mit formaler Radikalität: Pawel Prjaschkos Stück Soldat ist 15 Minuten lang und besteht lediglich aus zwei Sätzen, die von einem desertierenden Soldaten handeln.

Die anschließende Diskussion dauert deutlich länger, der einzige Darsteller gibt einen Crashkurs über neue russische Dramaturgie: "Meine Aufgabe war, diesen Text mit völlig neutraler Intonation und ohne jegliche Einstellung wiederzugeben. Wissen Sie, wie schwierig das ist?"

Dokumentarisches Theater

Im Zentrum beiTeatr.doc steht aber weiterhin das Dokumentarische, wohl weil im postsowjetischen Raum die Realität oft schärfer als jede Fiktion sein kann. Auf dem aktuellen Spielplan steht etwa Eine Stunde 18 Minuten , das den brisanten Fall des Moskauer Wirtschaftsanwalts Sergej Magnitskij aufrollt. Dieser war 2009 aufgrund fragwürdiger Entscheidungen von Polizeiermittlern in der Untersuchungshaft verstorben.

Wie nah das Theater der Wirklichkeit kommt, zeigte sich kürzlich bei einer Pressekonferenz des russischen Innenministeriums, das sich für den Tod des Anwalts rechtfertigte. Bondarenko hatte sich mit einer Schauspielerin eingeschlichen und war verwundert, dass die anwesenden Polizisten manchmal nahezu die gleichen Sätze sprachen wie Schauspieler im Magnistskij-Theaterstück. Mehr als das: Der womöglich hauptschuldige Polizist, so Bondarenko, habe die Schauspielerin begrüßt: "Ich kann mich an Sie erinnern. Ich bin bei Ihnen im Theater in der ersten Reihe gesessen."

Bondarenko, die zuvor als Journalistin für das regierungskritische Politmagazin New Times gearbeitet hatte, schreibt indes schon am nächsten Stück - Arbeitstitel Platz. Gemeint ist der Bolotnaja-Platz. Dort hatte im Dezember bekanntlich eine der größten Demos gegen Putins Regime stattgefunden.  (Herwig Höller aus Moskau / DER STANDARD, Printausgabe, 20.1.2012)

  • Teatr.doc ist deutlich mehr als eine kleine Off-Bühne in einer heruntergekommenen Immobilie. Es gilt in Moskau als einer der heißesten Ort für politisch engagiertes Theater.
    foto: herwig höller

    Teatr.doc ist deutlich mehr als eine kleine Off-Bühne in einer heruntergekommenen Immobilie. Es gilt in Moskau als einer der heißesten Ort für politisch engagiertes Theater.

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