Zu leichtes TV-Ratingspiel

17. Jänner 2012, 19:20
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Moritz Krämer wirkte wie ein gelassener Kapitän, der ein sinkendes Kreuzfahrtschiff nur als Letzter verlassen würde

Abgesandte einer Firma, die einigen Europa-Ländern ein "A" wegratet, müssten - bedenkt man die vielen schlotternden Politknie - ein Mix aus Beelzebub und Nosferatu sein. Doch Moritz Krämer, S&P-Chefanalyst für Europa, hatte kein längliches Zahnpaar, keine Teufelshörner, auch umwölkte ihn kein Schwefeldampf.

In der "ZiB 2" wirkte er wie ein gelassener Kapitän, der ein sinkendes Kreuzfahrtschiff nur als letzter verlassen würde und sich die Zeit bis zum Untergang mit einem Buch vertriebe. Keine Spur von jener TV-Stilistik der Politgegenspieler: Angesichts Armin Wolfs Fragen drohte er dem Moderator nie die Herabstufung seiner Kreditwürdigkeit an; er zeigte sich lockerer als Spindelegger und nie überenergisch (wie Faymann).

Auch nichts von der "Eine Zigarette bitte!"-Erregung Straches. Und nie wirkte er so gefährlich wie die Finanzministerin, so man sie Mizzi nennt. Irgendwie souverän. Auch als Wolf einen Wunsch der Politik übermittelte ("Die Regierung möchte das Triple-A gerne wieder zurück!") blieb er also bei der nüchtern erklärenden Sachlichkeit eines Arztes, der zwar bei seiner Negativdiagnose verweilt, jedoch beruhigend auf andere verwies, die sich immer noch in Triple-A-Milde üben würden ("Und wir finden die Meinungsvielfalt gut").

Ganz klar: Krämer hatte zu leichtes Interviewspiel. Auch wenn sich Wolf bemühte, hätte man, wenn schon nicht die ganze Bundesregierung, so doch gerne einen giftigen Mitdiskutanten erlebt, wie er Krämer zusetzt, ohne ihn gleich als Nosferatu entlarven zu müssen. Wolf jedenfalls wird hernach womöglich an Ex-Kanzler Sinowatz gedacht haben, der einst zu Recht die Komplexität mancher Probleme beklagt hatte. (Ljubiša Tošić/DER STANDARD; Printausgabe, 18.1.2012)

  • Moritz Krämer, S&P-Chefanalyst für Europa.
    foto: screenshot/orf-tvthek

    Moritz Krämer, S&P-Chefanalyst für Europa.

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