Verhalten vieler Gäste war eine "Katastrophe"

17. Jänner 2012, 10:25
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"Ich habe selbst gesehen, wie einige Offiziere ins Wasser gesprungen sind, um Menschen zu retten", sagt eine österreichische Costa-Angestellte

Wien/Rom - "Wie sich die Passagiere teilweise verhalten haben, war eine Katastrophe. Anweisungen der Mitarbeiter wurden nicht befolgt." So beschrieb die "Costa Concordia"-Mitarbeiterin Marie Bulgarini aus Wien ihre Erlebnisse beim Kreuzfahrtschiff-Unglück vor der Toskana. Sie hatte seit Ende November als "International Hostess" auf dem Schiff gearbeitet. "Die Crew hat sehr gut zusammengeholfen. Sobald die Anweisung zur Evakuierung kam, wurden die Passagiere sehr schnell evakuiert", erzählte sie aus ihrer Sicht.

"Ich war gerade im Büro auf Deck 5, als das Schiff eine scharfe Rechtskurve machte und in Schräglage geriet", so die 23-jährige Wienerin. Das komme aber öfters vor, die Reisebegleiterin habe sich dabei nichts gedacht. "Plötzlich hat das ganze Schiff gewackelt und vibriert, die Kästen gingen auf und alles fiel heraus, das Licht begann zu flackern und wir hatten ein Blackout, also Stromausfall." Sie ging sofort hinauf zur Brücke auf Deck 8. "Wie alle anderen 'internationalen Hostessen' habe ich dann die erste Durchsage (in der jeweiligen Muttersprache, Anm.) gemacht." Vorerst war nur die Rede von Problemen mit den Generatoren.

"Die Passagiere waren in Panik"

"Auch wir wussten bis zur Evakuierung nicht, was wirklich passiert war. Dass der Riss 70 Meter lang war, war uns nicht bekannt. Wir hörten nur von einem Loch." In Folge machte die Österreicherin noch zwei Durchsagen, um die Passagiere zu beruhigen. "Die vierte Durchsage kam dann direkt vom Kapitän: 'Abandon ship' ('Schiff evakuieren', Anm.)."

"Ich ging dann sofort hinunter zum vorgeschriebenen Treffpunkt der Crew auf Deck 3", sagte Bulgarini. "Die Passagiere waren in Panik. Für sie ist der Treffpunkt für die Evakuierung auf Deck 4. Viele Passagiere wurden zu diesem Zeitpunkt schon mit den Rettungsbooten evakuiert. Nachdem das Schiff bereits schräg lag, haben wir die restlichen Passagiere vom oberen Deck, auf Deck 3 geleitet, damit sie direkt von dort die Rettungsboote besteigen konnten." Die Kritik der Passagiere an der Crew kann die 23-Jährige nicht nachvollziehen. "Zumindest jene Crewmitglieder, die ich beobachten konnte, haben sehr gut zusammengeholfen. Ich habe selbst gesehen, wie einige Offiziere ins Wasser gesprungen sind, um Passagiere zu retten. Wir konnten innerhalb kürzester Zeit mehr als 4.000 Menschen evakuieren."

Viele Passagiere filmten

Außerdem seien alle Schiffsmitarbeiter gut ausgebildet. "Alle Crewmitglieder besitzen ein BST-Zertifikat (Basic Safety Training). Wir müssen regelmäßig Sicherheitstrainings absolvieren, um uns für solche Katastrophen vorzubereiten." Nachsatz: "Mit einem Training kann man so ein Unglück allerdings nicht vergleichen. Es ist natürlich eine komplett andere Situation."

Das Verhalten vieler Gäste hat Bulgarini als "katastrophal" in Erinnerung. "Viele haben auch während der Evakuierung ihre Handys hochgehalten und gefilmt und fotografiert, sind uns somit teilweise wirklich im Weg gestanden und haben damit die Räumung des Schiffs behindert. Andere haben sich unseren Anweisungen widersetzt. Egal ob Frauen oder Kinder da waren, manche Touristen haben sich rücksichtslos durch die Menge geboxt, um als erste im Boot zu sein."

Am Sonntag zurück nach Wien

Um insgesamt vier Boote hat sich die Wienerin gekümmert, bis alle Passagiere von Deck 3 und 4 gerettet waren. Einmal hat sie selbst als Begleitung in einem Rettungsboot auf die Insel Giglio übergesetzt, ist dann aber zur havarierten "Costa Concordia" zurückgekehrt, um weitere Passagiere, die von der anderen Schiffsseite kamen, einzuweisen. "Die Boote waren knallvoll, teilweise sind die Passagiere auch in der Mitte gestanden. Zum Schluss bin ich selbst schon gut fünf Zentimeter im Wasser gestanden. Die Passagiere konnten direkt vom Deck ins Rettungsboot umsteigen. Das Schiff war bereits so in Schräglage, dass sich alle gegenseitig gehalten haben, um nicht über Bord zu gehen", schilderte die Österreicherin. "Ich war eine der letzten, die das Deck verlassen haben."

Auf der Insel haben sich auch die Einwohner um die Passagiere gekümmert. "Sie haben Decken und Kleidung gebracht, es war ja sehr kalt", sagte Bulgarini. "Am Pier haben sich dann auch viele Gäste bei den Crew-Mitgliedern bedankt." Samstag früh ging es dann mit Fährschiffen auf das italienische Festland nach Santo Stefano. "Wir mussten vorher allerdings noch die Namen der Passagiere notieren." Auch am Festland kümmerten sich Hilfskräfte und Einheimische um die Gestrandeten. "Sie haben die Passagiere mit Decken, Handtüchern, Jacken, Essen und Heißgetränken versorgt." Bis Samstagmittag war Bulgarini im Dauereinsatz. "Dann wurden wir in ein Hotel gebracht."

Am Sonntag wurde eine Arbeitskollegin von ihren Eltern abgeholt und Bulgarini konnte mit nach Österreich fahren. Erst zu Hause in Wien habe sie zu realisieren begonnen, was passiert war und was sie alles verloren hat. "Ich habe, wie all meine Arbeitskollegen alles zurücklassen müssen, wir haben uns nur um die Rettung der Passagiere gekümmert."

Bleib während des Unglücks ruhig

Unterdessen erhärteten sich die Vorwürfe gegen den Kapitän der "Costa Concordia", Francesco Schettino. "Dass der Kapitän als einer der ersten das Schiff verlassen hat, kann ich nicht glauben. Vielleicht ist er so wie ich mit einem Rettungsboot auf die Insel übergeschifft, dann aber wieder auf die 'Costa Concordia' zurückgekehrt, um weiter bei der Evakuierung zu helfen. Ich habe ihn in den Morgenstunden am Pier gesehen, wo alle Rettungsboote ankamen", sagte Bulgarini. "Ich habe den Kapitän als gut organisierten, kompetenten Menschen kennengelernt. Warum wir so nahe an die Insel gefahren sind, weiß ich nicht."

Die 23-Jährige, die in Wien Tourismus-Management studiert hat, und im Zuge dessen bereits im Rahmen eines Auslandssemesters auf Kreuzfahrtschiffen gearbeitet hat, ist selbst erstaunt, wie ruhig sie während des Unglücks geblieben ist. "Vielleicht war das auch deshalb, weil die Insel sichtbar und so nahe war." Nach den schlimmen Ereignissen möchte sie sich erstmal bei ihrer Familie erholen. "Ich glaube aber, dass ich zurück aufs Schiff gehe." (APA)

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    Marie Bulgarini: "Auch wir wussten bis zur Evakuierung nicht, was wirklich passiert war."

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