Belohnung für Gesunde

Kommentar17. Jänner 2012, 07:00
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Bewusste KundInnen müssen bei der SVA künftig weniger Selbstbehalt bezahlen. Aber auch Gesundheitsnormen können krank machen

Länger hat es gedauert, nun ist das Bonus-Malus-System bei der Krankenversicherung auch in Österreich angekommen. Mit 2.1.2012 bietet die Sozialversicherung der gewerblichen Wirtschaft (SVA) das freiwillige Angebot "Selbstständig gesund" an, das gesunden KundInnen den Anreiz einer Reduktion des Ärzte-Honorar-Selbstbehalts von 20 auf 10 Prozent verspricht.

"Revolutionäre Reform"

Was die KundInnen dafür tun müssen? Bei einer Gesundenuntersuchung bei ihrem/ihrer HausärztIn werden fünf Gesundheitsziele definiert, die sich aus den Parametern Blutdruck (unter 140:90), Gewicht (BMI), Bewegung (mindestens 2000 kcal pro Woche verbrauchen), Tabak (Aufgabe des Rauchens) und Alkoholkonsum (ein bis zwei Gläser Wein pro Tag bzw. eine Flasche pro Woche) zusammensetzen. Wenn der/die KundIn nach einem halben Jahr die Ziele erreicht hat (welche mittels eines standardisierten Fragebogens ermittelt werden) erhält der/die KundIn den Bonus über eine längere Zeit. So weit, so "revolultionär", wie es der Gesundheitsökonom Ernest Pichlbauer im Ö1-Interview im Dezember letzten Jahres ausdrückt?

KroproduzentInnen der eigenen Gesundheit

Für einen Ökonomen kommt so ein Programm offenbar wirklich einer Revolution gleich. Macht es doch wahrer, was VertreterInnen seiner Zunft seit Jahren predigen: Die Zusammenführung von Gesundheit und Ökonomie. Mit diesem Anreizsystem werde der/die PatientIn dazu erzogen, "sich selbst als Koproduzent seiner Gesundheit zu begreifen," erklärt Pichlbauer den Zusammenhang zwischen ökonomischem und gesundheitlichem Fortschritt. Und er hilft ganz nebenbei dem Gesundheitssystem beim Sparen.

Es geht den GesundheitsökonomInnen aber nicht nur um ein relativ neues Verhältnis des Menschen zum eigenen Körper, es soll damit auch gerechter zugehen im Gesundheitssystem, so die Pichlbauers dieser Welt: endlich werde krank sein "bestraft" und gesund sein vom Gesundheitssystem belohnt.

Für die Kranken in Österreich ist die Einsicht vermutlich recht neu, dass sie vom Staat für ihre Krankheit "belohnt" werden. Auch andere ExpertInnen können mit dieser zynischen Auffassung von Krank Sein wenig anfangen. Ein Bonus-Programm wie jenes der SVA bevorzuge jene, die aufgrund genetischer und sozialer Bedingungen in der "Lotterie des Lebens" ohnedies das bessere Los gezogen haben, kritisiert etwa der Arzt und Public-Health-Experte Franz Piribauer am Montag im STANDARD ("Bonus für gesunden Lebensstil").

Andere ExpertInnen warnen davor, das individuelle Verhalten bei der Gesundheitsprävention zu hoch zu bewerten, wie etwa Christa Peinhaupt, Leiterin des Fonds Gesundes Österreich. Das soziale Umfeld und die Arbeitsbedingungen von Menschen seien mindestens ebenso wichtig.

Das mag ja alles stimmen, aber auf individueller Ebene ist es nun einmal viel einfacher zu sparen, wissen die GesundheitsökonomInnen. Alles, was dafür gebraucht wird, sind ein paar Euro für Bewusstseinskampagnen, damit den PatientInnen von morgen das Prinzip "Eigenverantwortung" nur ja fest im Kopf verankert bleibt. Das Programm "Selbstständig gesund" soll ja der SVA langfristig Kosten sparen, auch wenn es kurzfristig einen Mehraufwand bringt.

Überholter Gestus des Neuen

Besonders ärgerlich an diesen ganzen Bewusstseinskampagnen und Anreizsystemen für gesündere Lebensweise ist, dass sie nach all den Jahren immer noch mit dem Gestus des komplett Neuen daherkommen: Man muss es den Faulen, Rauchenden und Dicken ja nur sagen, dass sie gesundheitsgefährdend leben, dann werden sie ihre Gewohnheiten schon ändern, lautet die immergleiche, pseudo-moderne Devise.

Dieser Ansatz hat inzwischen dazu geführt, dass es einen Haufen Menschen gibt, denen das "Bewusstsein" über ihren Körper und ihre Gesundheit aus sämtlichen Körperöffnungen quillt, so vollgestopft sind sie von Vorsorge-Terminen, Fitness-Kursen, Diäten und Ängsten. Meistens sind das auch jene, die bereits der körperlichen Norm entsprechen oder knapp vor der schützenden Hülle der Norm-Erfüllung stehen. Und dann gibt es jene, die mit ihrem Lebensstil tatsächlich ein Gesundheitsrisiko darstellen, wie z.B. Menschen mit sehr starkem Übergewicht, Menschen in gesundheitsschädlichen Berufen oder auch AlkoholikerInnen, nur die - oh Wunder - zeigen sich von den poppig gestalteten Ernährungsbroschüren und "Rauchen tötet!"-Stickern gar nicht so beeindruckt. Um solche Menschen aus ihrer Misere zu holen, bräuchte es statt reiner Info-Politik tatsächlich soziale Initiative, die die Gesellschaft sich aber immer weniger leisten will.

Bewusstsein schaufeln

GesundheitsexpertInnen, die sich Präventivmaßnahmen überlegen, wären jetzt auch einmal an der Reihe, eine Portion Bewusstsein zu schaufeln. Es gibt da z.B. diesen beachtlichen Wissenshaufen, der besagt, dass der gesellschaftliche Druck, gesund sein zu müssen, um richtig zu sein, auch krank machen kann. Die jährlich anwachsende Zahl an Essstörungen sind nur ein Beispiel dafür, wie heftig gesellschaftlich gesetzte Normen auf die Psyche und das Verhalten von Menschen wirken. In der Zwischenzeit sehen wir uns auch mit einer stetig steigenden Anzahl von Menschen konfrontiert, die depressiv werden. Die Last unter der Eigenverantwortung und der geforderten (Eigen-) Initiative hat sie zu erschöpften Kranken gemacht. Dafür will aber sicher niemand die Verantwortung übernehmen. (dieStandard.at, 17.1.2012)

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    Auch dieses begehbare Herz in einem Regensburger Einkaufszentrum soll Bewusstsein schaffen: für die Organspende.

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