Lebensabschnittswohnen

13. Jänner 2012, 22:13
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Leon Lenhart, Wiener Unternehmer und Wirtschaftspädagoge, wohnt mit seiner Familie in einem alten Kloster in Wien-Liesing. Die Möbel plante er selbst

Der Wiener Unternehmer Leon Lenhart wohnt mit seiner Familie in einem alten Kloster. Nadine Obermüller schilderte er die Vorzüge gemeinsam genutzter Räume.

"Ich wohne hier mit meiner Familie jetzt schon seit 15 Jahren. Das Haus wurde 1908 erbaut und war früher ein Kloster. Damals haben hier bis zu 35 Ordensschwestern ziemlich zurückgezogen gelebt. Unsere Freunde und ich haben dann erstmals 1989 darüber nachgedacht, wie es wäre, gemeinsam zu wohnen. Es hat die unterschiedlichsten Vorstellungen gegeben! Die einen wollten ein Penthouse in der City, die anderen eine Selbstversorger-Landwirtschaft.

Plötzlich ist dieses alte Kloster gleich neben unserer Pfarre zum Verkauf gestanden. Im Spaß haben wir uns dann g'sagt: 'Na, kauf ma' uns das!' Eigentlich war das ein unvorstellbares Vorhaben, denn immerhin handelte es sich um ein sehr altes Gebäude mit lauter einzelnen Zellen. Aber wir haben uns dann doch drüber getraut und das Kloster in ein Wohnheim mit 22 Wohnungen mitsamt Kindergarten umgebaut.

Es gibt drei Garçonnièren, die wir Leuten mit sozialen Notfällen zur Verfügung stellen, einen Saal für Veranstaltungen, einen Gebetsraum und ein Gästezimmer. Mit dem verschlossenen Image, das viele mit einem Klostergebäude verbinden, haben wir anfangs auch gekämpft.

Hier im Haus selbst gibt es ganz viel gemeinschaftliche Infrastruktur. Das hat nicht nur einen sozialen und ökologischen Nutzen, so ein Wohnprojekt hat auch ökonomische Vorteile. Wir haben einen Rasenmäher, einen Kopierer, gemeinschaftliche, energiesparende Waschmaschinen und so weiter. Kurz: all jene Dinge, die sich sonst jeder für sich selbst anschafft. Natürlich muss man sich mit den Leuten ab und zu zusammenstreiten, denn es ist nicht immer so einfach. Doch im Grunde genommen funktioniert's ganz gut. Wenn man mal krank ist oder einem das Mehl ausgeht, kann man sich vor Hilfsangeboten kaum noch erwehren!

Man könnte vielleicht denken, dass die eigene Wohnung für meine Familie und mich im Hintergrund steht. Das stimmt aber gar nicht. Damit man sich in der Gemeinschaft wohlfühlen kann, ist es wichtig, sich auch in den eigenen vier Wänden wohlzufühlen. Das Herz unserer Wohnung ist das Wohnzimmer. Der Raum ist hoch, es gibt eine offene Küche und eine Terrasse, von der wir in den Gemeinschaftsgarten sehen können.

Allerdings ergibt sich durch die sehr individuelle Planung auch ein gewisser Nachteil. Der Wohnbedarf ändert sich mit den verschiedenen Lebensphasen. Trotzdem will man in seiner eigenen Wohnung bleiben, auch wenn sie, wie bei uns, nach dem Auszug eines Kindes eigentlich viel zu groß ist. Das ist weder ökologisch noch wirtschaftlich besonders sinnvoll. Meine Frau und ich haben jetzt ein neues Wohnprojekt gestartet, bei dem wir all die Aspekte, die mit Flexibilität und veränderbaren Räumen zu tun haben, etwas besser berücksichtigen wollen.

Ansonsten ist zu sagen: Wichtig war für uns, natürliche Rohstoffe einzusetzen und auf Langlebigkeit zu setzen. Viele Möbel habe ich selber geplant, ausgeführt hat sie ein Tischler. Wir wollen Schlichtheit, ganz im Sinne von 'Weniger ist mehr'! Daher haben wir beispielsweise auf Bücherwände verzichtet und den Fernseher in einem Rollkasten versteckt. Und wir brauchen genug Platz, um die Dinge des Alltags gut zu verstecken. Die Freiheit, offen zu leben und atmen zu können, geht so weit, dass wir insgesamt sogar drei Abstellräume haben.

Ich brauche die Stadt um mich. Ich kann mir zwar auch vorstellen, abgeschieden auf einem Berg zu leben. Allerdings nur im Urlaub. Und ich komme wahnsinnig gerne wieder nach Hause zurück. Es lebt sich wunderbar in so einem Wohnprojekt. Allerdings konnten viele Leute das Projekt zu Beginn nicht richtig einordnen. Manche haben sogar gefragt, ob wir eine Sekte sind." (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 14./15.1.2012)

LEON LENHART, geboren 1969 in Wien, absolvierte das HTL-Kolleg für Nachrichtentechnik und Elektronik und studierte Wirtschaftspädagogik und Betriebswirtschaft an der WU Wien. Er war früher Geschäftsführer von Fairtrade Österreich, bevor er 2005 das Unternehmen bestpractise gründete. Seit 2010 unterrichtet er als Wirtschaftspädagoge an der HTLW Bergheidengasse. 

Lenhart ist Mitbegründer des Gemeinschaftswohnprojekts "Altes Kloster" in Liesing. Bis Herbst 2014 soll in Wien-Mauer das Wohnprojekt "Gennesaret" fertiggestellt werden. Es umfasst 24 Wohnungen, ein Sozialzentrum und eine kleine Schule.

  • "Wir brauchen genug Platz, um die Dinge des Alltags zu verstecken." Leon Lenhart in seiner umgebauten Klosterwohnung in Wien-Liesing.
    foto: lisi specht

    "Wir brauchen genug Platz, um die Dinge des Alltags zu verstecken." Leon Lenhart in seiner umgebauten Klosterwohnung in Wien-Liesing.

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