"Wir konnten nur mit Müh und Not bilanzieren"

11. Jänner 2012, 18:30
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Kursverluste in schwindeler­regender Millionenhöhe und Schweißausbrüche säumten den Erfolgsweg von Günter Geyer, dem scheidenden Chef der VIG

Wien - Führungs- und Generationswechsel bei den zwei Großen der österreichischen Versicherern: Mitte 2011 übernahm Andreas Brandstetter (42) die Führung der Uniqa. Im Juni 2012 folgt Peter Hagen (52) seinem langjährigen Mentor Günter Geyer. Wobei Hagen in der komfortableren Situation ist: Er trug gemeinsam mit Geyer den in den vergangen zehn Jahren erfolgten Umbau von einer Wiener Größe zu einem internationalen Player, der Vienna Insurance Group (VIG), mit.

Geyer, seit 1974 in der Städtischen, löste für Außenstehende überraschend Mitte 2001 Siegfried Sellitsch an der Spitze ab. Es folgten von 2002 bis 2004 "die schwierigsten Jahre in der Geschichte", erzählt Geyer: Die Trennung von der Bank Austria, der Rückkauf eigener Aktien von der HVB und der Einstieg in Tschechien in das Kfz-Geschäft. Letzteres sei die "mutigste Entscheidung gewesen", berichtet Geyer rückblickend. Zur Erinnerung: Sellitsch war zugleich Aufsichtsratschef der Bank Austria und Chef der Wiener Städtischen, die Versicherung hat nach der Übernahme der Bank Austria durch die HVB deren Aktien um 61 Euro gekauft - und schließlich um 16 Euro verkauft. Fazit: Ein Kursverlust von 300 Mio. Euro und ein Gesamtschaden von damals vier Milliarden Schilling. Die Versicherung habe 2001 nur "mit Müh und Not bilanzieren können", erzählt Geyer und lässt nicht unerwähnt, dass er damals nächtens oft "schweißgebadet aufwachte". Dazu kam, der mühsame Prozess, das fünf Prozent Aktienpaket, dass die HVB an der Städtischen hielt, zurückkaufen zu können. Geyer: "In der Zeit bekam ich eine Allergie gegen Fremdeinflüsse". Eine feindliche Übernahme der VIG wurde mittels Satzungsänderung mittlerweile ausgeschlossen.

Praktisch im Alleingang (den im Hotel Imperial darüber konferierenden Mitbewerbern war das Risiko zu groß) stieg die Städtische auf Drängen Geyers in das Kfz-Geschäft in Tschechien ein. Der Markt war bis 1999 ein Monopol des staatlichen Anbieters. Hagen: Ohne Statistiken, ohne Marktstudien oder Basisinfos für die Preisgestaltung (das durchschnittliche Alter eines Fahrzeugs lag bei über 18 Jahren) sprangen die Wiener ins kalte Wasser und boten Kfz-Polizzen an. Wobei der Preis des Monopolisten drei Jahre nicht unterboten werden durfte, und somit nur mit Service gepunktet werden konnte. Die Triebkraft für das Geschäft war die Überzeugung Geyers: Wer in einem Markt keine Kfz-Versicherung anbietet, bleibt ein Nischenplayer. Aus einem millionenschweren Verlustpotenzial entwickelte sich die Erfolgsstory schlechthin: In den ersten 2,5 Monaten wurden 1,1 Millionen Verträge verkauft.

Mittlerweile ist die VIG der führende Versicherer in Zentral- und Osteuropa und davon überzeugt, dass es ganz wesentlich ist, vor Ort präsent zu sein. Denn, so Hagen, "die makroökonomische Entwicklung eines Landes ist kein Indikator wie erfolgreich Versicherungen verkauft werden". Geyer: "Ich konnte nicht glauben, dass in einer Region mit 40 Prozent Arbeitslosigkeit das Geschäft massive Zuwächse verzeichnet." Also setzte er sich ins Auto und schaute sich die vermeintlich gefälschten Zahlen selbst an. Und siehe da die Überraschung - die Zahlen stimmten. Der Grund: Die Leute waren zwar arbeitslos, aber sie pfuschten und wollten versichert sein. Trotzdem ist der designierte VIG-Chef Hagen vorsichtig, was die weitere Expansion anlangt: "Je weiter man in den Osten kommt, desto mehr hat man es mit Clangesellschaften und religiösen Themen zu tun." (Claudia Ruff, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 12.1.2012)

  • Die Städtische am Ring zog die Lehren aus der Vergangenheit: eine 
strategische Zusammenarbeit nur unter Führung der Wiener.
    foto: standard/robert newald

    Die Städtische am Ring zog die Lehren aus der Vergangenheit: eine strategische Zusammenarbeit nur unter Führung der Wiener.

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