"Liberia ein Staat außerhalb des Rechts"

9. Juni 2003, 19:20
posten

Die Senegalesen fürchten einen Flächenbrand in ganz Westafrika

Dakar/Wien - "Das ist ein Abszess, der die ganze Region infizieren kann." Claude Absa-Diallo, Generalsekretärin im senegalesischen Außenministerium, wählt einen drastischen Vergleich, als sie im Gespräch mit dem STANDARD die Situation in Liberia beschreibt. Dieses Land sei "ein Staat außerhalb des Rechts", der Konflikte in den Nachbarländern schüre, mit unabsehbaren Konsequenzen für ganz Westafrika.

In Cote d'Ivoire (Elfenbeinküste) etwa stünden Söldner und auch Kindersoldaten aus Liberia im Einsatz, das Land liefere Waffen an verschiedenste Rebellen. Woher das Geld für Waffen und Söldner kommt? "Von den Diamanten natürlich." Die Generalsekretärin spielt auf die aus undurchsichtigen Quellen stammenden so genannten Blutdiamanten an, die nach allgemeiner Erkenntnis die Hauptfinanzierungsquelle für bewaffnete Konflikte auf dem ganzen Kontinent darstellen.

Die internationale Gemeinschaft sei sich der Schwere des Problems in Westafrika noch immer nicht bewusst, meint die Generalsekretärin. Anders verhält es sich allerdings mit dem Konflikt in der Demokratischen Republik Kongo (Kongo Kinshasa). Die Übernahme des Kommandos der Friedenstruppen in der Region Ituri durch die Europäische Union markiere ein erfreuliches Umdenken in Europa. Absa-Diallo bezeichnet das EU-Engagement als "absolut notwendig".

Trotz der vorhandenen "Taschen", wie die Generalsekretärin die akuten oder schwelenden Konflikte in Afrika nennt, habe sich die Lage auf dem Kontinent in den vergangenen 20 Jahren insgesamt verbessert, es gebe deutlich mehr Demokratie. Die europäische Integration sei ja auch eine langwierige, von Rückschlägen begleitete Sache. "Vergessen Sie nicht: Afrikas Unabhängigkeit begann erst Anfang der 1960er-Jahre."

Neben der EU wollen sich auch die USA wieder stärker auf dem Schwarzen Kontinent engagieren. Washington macht seine Hilfe allerdings deutlich vom Wohlverhalten der Empfängerländer abhängig, wie etwa der Anti-Aids-Plan zeigt, von dessen 15 Milliarden Dollar nur ein Drittel in den UN-Fonds fließt und der große Rest bilateralen Übereinkünften vorbehalten ist. Läuft Afrika Gefahr, nach dem Ende des Kalten Krieges neuerlich zum Aktionsfeld hegemonialer Mächte zu werden? Könnte es zu einer Konkurrenz zwischen Amerikanern und Europäern kommen? "Wenn es so käme, wären wir die Ersten, die davon profitieren. Was es aber sicher nicht geben wird, das ist ein neuer Kolonialismus." (Josef Kirchengast/DER STANDARD, Printausgabe, 10.6.2003)

Share if you care.