Wie Asylwerber ihr Taschengeld "missbrauchen"

Blog7. Jänner 2012, 13:36
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Innenministerin Johanna Mikl-Leitners "Gutschein statt Bargeld"-Vorschlag ist schikaneverdächtig

40 Euro sind für Normalverdienende, die für - sagen wir - 1500 bis 2000 Euro netto monatlich fulltime arbeiten, nicht sehr viel Geld. Einmal in der City abendessen, zweimal Taxifahren - schon sind die 40 Euro weg. Und Vielverdienenden ist diese Summe wohl überhaupt höchstens ein Lächeln wert.

Wie anders ist das bei Asylwerbern und Asylwerberinnen: Für sie sind in der City abendessen oder Taxifahren nicht drin, denn 40 Euro ist genau jene Summe, die sie vom Staat allmonatlich als Taschengeld bekommen*. Damit können sie zum Beispiel Toiletteartikel, von daheim gewohnte Gewürze oder Teesorten, Kopfweh- und andere, nicht vom Arzt verschriebene, Tabletten, Zeitungen und Bücher in für sie verständlichen Sprachen sowie vielleicht auch einmal eine Kinokarte bezahlen - und was man sonst im Leben so braucht. Die Summe wurde seit Jahren nicht erhöht, also verringert sich die Asylwerber-Kaufkraft inflationsbedingt zusehends, aber das sehen die politisch Verantwortlichen nicht als Problem.

Mit Taschengeld ins Casino

Denn laut Innenministerin Johanna Mikl-Leitner (ÖVP) findet mit den 40 Euro pro Nase und Monat "Missbrauch" statt, wie sie anlässlich der Vorstellung ihrer weiteren Asyl-Pläne am 3. Jänner 2012 erklärte. Flüchtlingsfamilien würden das Geld zusammenlegen und in die frühere Heimat schicken, wo es angesichts mickriger Durchschnittseinkommen sehr viel mehr wert sei, meinte sie bei dem Hintergrundgespräch mit Journalistinnen und Journalisten. Auch wäre denkbar, dass das Taschengeld in den Herkunftsstaaten von Verwandten zusammengespart werde, um Schlepper für weitere Fluchten zu bezahlen. Und ins Casino könne man mit 40 Euro immerhin auch gehen, ergänzte einer ihrer Mitarbeiter.

Das, mit Verlaub, ist Stimmungsmache, Zündeln mit den Neidgefühlen der "Hiesigen", also versuchtes politisches Kleingeldsammeln auf dem Rücken von Menschen, die in Österreich Schutz gesucht haben. Und der Plan, Asylwerbern künftig statt Barem Gutscheine oder Quickcards auszufolgen, ist schikaneverdächtig. Denn was soll dann zum Beispiel Kevin aus Gambia (Name geändert) tun, wenn er einen Fahrschein braucht?

Mit Taschengeld in der U-Bahn 

Kevin ist mit 15 Jahren allein nach Österreich geflohen, jetzt, mit 19, ist er in der Asylberufung. Das Taschengeld braucht er dringend für sich selbst, denn er lebt in Wien in einer Flüchtlingsunterkunft und darf keine Lehre machen (obwohl er einen Hauptschulabschluss hat und sehr gern Koch lernen würde - aber das Arbeitsverbot für Asylwerber und Asylwerberinnen ist eine andere Geschichte). Tagaus, tagein sitzt er in seinem Zimmer. Es sei denn, er trifft Freunde und Bekannte: ein Unterfangen, das in einer weitläufigen Stadt wie Wien meist nur unter Verwendung der öffentlichen Verkehrsmittel in die Tat umgesetzt werden kann.

Ein Einzelfahrschein kostet in Wien 1,80 Euro im Vorverkauf, macht hin und retour 3,60 Euro: ein Elftel von Kevins Asylwerber-Taschengeld. Vernünftiger wär's, sich eine Wochenkarte zu kaufen, um 14 Euro: Das kann sich Kevin pro Monat nur zweimal leisten. Unerschwinglich ist für ihn auch eine Monatskarte à 49,50 Euro. 

Die Folge, vor Kurzem: Kevin fuhr schwarz - und wurde dabei erwischt. Um die Strafe zu bezahlen, reicht sein Taschengeld nicht. Also rief eine Österreicherin, die ihn unterstützt (und sich Vorwürfe machte, in diesem Monat vergessen zu haben, Kevin die Monatskarte privat zu finanzieren), bei den Wiener Linien an, in der Hoffnung um Gnade vor Recht. Was wurde ihr entgegnet? Man könne keine Ausnahmen machen. Und, auf die Bemerkung hin, dass Kevin nur 40 Euro Asylwerber-Taschengeld im Monat habe, mehr nicht: "Dann muss er eben zu Fuß gehen."

Taschengeld und Wahrheit

Letzteres ist hart, aber es ist die Wahrheit: Nach elfmal Normalfahrschein oder zweimal Wochenkarte kaufen ist für Kevin allmonatlich mit dem Öffi-Fahren in Wien Schluss - und mit dem, was ihm vom Taschengeld dann übrigbleibt, kommt er bei Toiletteartikeln, Kopfwehtabletten und/oder Kinokarten auch nicht wirklich weit, vom Casino ganz zu schweigen: Aber vielleicht wird das alles ja anders, wenn es erst Asylwerber-Taschengeld-Fahrschein-Gutscheine gibt. (Irene Brickner/derStandard.at, 7.1.2012) 

* Wenn sie in Grundversorgung sind, ihnen Unterkunft und Essen also bezahlt wird, weil sie in einer Flüchtlingspension oder an einem ähnlichem Ort wohnen. Wen die genauen Summen interessieren, die AsylwerberInnen in Österreich zustehen: www.asyl.at bietet eine Auflistung aus Oberösterreich im Jahr 2009, aber auf ganz Österreich übertragbar und immer noch gültig.

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    Der neue Gutschein-Vorschlag der Innenministerin ist Zündeln mit den Neidgefühlen der "Hiesigen", also versuchtes politisches Kleingeldsammeln auf dem Rücken von Menschen, die in Österreich Schutz gesucht haben.

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