Spektakel der Kritik

7. Jänner 2012, 14:08
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Ein radikaler Denker, dessen Blick durch etliche blinde Flecken getrübt war: zum 80. Geburtstag von Guy Debord

Der Mann ist in Österreich weitestgehend unbekannt, in Frankreich wurde er posthum zum Star, auf den sich fast jeder kritische Intellektuelle bezieht, und die pseudokritischen ganz besonders: Guy Debord, die maßgebliche Figur in der Situationistischen Internationale, einem Zusammenschluss von Künstlern und Gesellschaftskritikern, der von 1957 bis 1972 existierte und entscheidend zum Aufruhr im Pariser Mai 1968 beigetragen hat. Es gilt an einen ebenso scharfsinnigen wie im besten Sinne radikalen Denker zu erinnern, dessen Geburtstag sich am 28. Dezember 2011 zum achtzigsten Mal gejährt hat.

1994 hat Debord sich nach langer, schmerzhafter Krankheit eine Kugel in den Kopf gejagt. Sein Hauptwerk Die Gesellschaft des Spektakels (1967) ist bis heute einer der wichtigsten Versuche, Gesellschaftskritik jenseits des marxistischen Dogmatismus und gegen die postmoderne Beliebigkeit zu betreiben. Der wohl bekannteste Text der SI, Über das Elend im Studentenmilieu, wurde in Massenauflagen gedruckt und in zahlreiche Sprachen übersetzt. Die SI formulierte eine radikale Kritik der Nachkriegsgesellschaften, ohne welche die "Krise der Universität" nicht verständlich sei.

Der Begriff des Spektakels wird heute vorrangig zur Kritik des Medien-, Kultur- und Sportgeschehens gebraucht. Dadurch droht allerdings sein gesellschaftssprengendes Potenzial verlorenzugehen. Je größer die Begeisterung für die kunst- und kulturkritischen Schriften Debords wurde, desto weniger Beachtung fand die radikale Gesellschaftskritik, die seiner Kunst- und Kulturkritik zugrunde liegt. Debord betrachtet die Gesellschaft stets unter dem Aspekt ihrer Veränderbarkeit.

Den westlichen Kapitalismus lehnte er ebenso ab wie den östlichen Staatssozialismus. Der Mann bezog sich zeitlebens in einer Art dissidenter Orthodoxie auf Karl Marx, doch über die gläubigen Marxisten spottete er nur: "Das Proletariat ist ihr heimlicher Gott." Anstatt seiner Anbetung forderte Debord die "Selbsterziehung des Proletariats". Er hielt es für unerlässlich, dass "die Mehrzahl der Arbeiter Theoretiker werden". Über das Ziel einer befreiten Gesellschaft notiert er: "Weder Paradies noch Ende der Geschichte. Man hätte andere Übel (und andere Freuden), das ist alles."

Bei Debord steht der Begriff des Spektakels für den Versuch einer Neuformulierung von Gesellschaftskritik im Angesicht des Scheiterns der Emanzipationsbestrebungen der Arbeiterbewegung. Dieses Scheitern drücke sich im Siegeszug des "konzentrierten Spektakels" von Stalinismus und Faschismus ebenso aus wie im "diffusen Spektakel" der westlichen Konsumgesellschaften. In seinen Kommentaren zur Gesellschaft des Spektakels (1988) fasst Debord den Begriff als "die Selbstherrschaft der zu einem Status unverantwortlicher Souveränität gelangten Warenwirtschaft und die Gesamtheit der neuen Regierungstechniken, die mit dieser Herrschaft einhergehen". Ob Algerien in den 1950er und 60ern, Portugal während der Nelkenrevolution oder Spanien im Übergang zur Demokratie - Debord stand stets in engem Kontakt mit kleinen linken Zirkeln, um sich über den Stand der revolutionären Sache zu informieren und in die Umbrüche zu intervenieren.

Angesichts des zunehmenden Einflusses islamistischer Strömungen auf die antikolonialen Bewegungen in der Dritten Welt ließen die Situationisten 1965 die "Genossen" hochleben, die "den Koran in den Straßen Bagdads verbrannt haben". Debord schrieb über die Verwandlung Italiens in "ein europäisches Labor der Konterrevolution" und über die Arbeiterstreiks im poststalinistischen Polen der 1980er, die er zu den wichtigsten Ereignissen der zweiten Hälfte des 20. Jh.s zählte. Er kritisierte den damaligen Studentenaktivisten Daniel Cohn-Bendit, "der die Rolle als spektakuläres Starlet akzeptiert" habe, und mokierte sich über den "unfähigen Gorbatschow".

Anhand der unlängst erschienenen Ausgewählten Briefe von Guy Debord lassen sich die Geschichte der SI und die Positionierung Debords in ihr rekonstruieren. Dabei treten auch zwei Grundprobleme der situationistischen Kritik zu Tage, die zugleich die Differenzen der Überlegungen Debords zur "Frankfurter Schule", insbesondere zu Theodor W. Adorno verdeutlichen, mit der sie oft verglichen wurde. Erstens findet an keiner Stelle die Erfahrung von Auschwitz Eingang in die Überlegungen der Situationisten. Der größte Mangel von Debords Spektakelbegriff besteht in seiner Ignoranz gegenüber dem Nationalsozialismus und seinem Vernichtungsantisemitismus. Debord erörtert zwar knapp den Beitrag des Faschismus zur Herausbildung des modernen Spektakels, kann ihn aber nur mit einem totalitarismustheoretischen Vokabular beschreiben. Was nicht bedeutet, dass er gar kein Bewusstsein von deutschen Besonderheiten gehabt hätte: Dieter Kunzelmann, später Mitbegründer der Kommune 1 in Berlin und Paradebeispiel für einen linken Antisemiten (nach allem, was man weiß, war er mitverantwortlich für den Bombenanschlag auf das jüdische Gemeindezentrum in Berlin im Jahr 1969), wurde schon früh aus der SI ausgeschlossen - auf Grund des hellsichtigen Vorwurfs des "Nationalsituationismus".

Zweitens formuliert Debord eine Absage an die Kunst, anstatt in ihr eine Statthalterin der Befreiung zu sehen. Auch wenn er Filme drehte, sah er sich doch stets als "Anti-Künstler". Nicht sanfte Aufhebung ist sein Programm, sondern Tabula rasa. In seinen Briefen wird das an der schroffen und mitunter fast brutalen Sprache deutlich, die nur noch selten etwas von der verzweifelten Zärtlichkeit erahnen lässt, die man aus den Schriften Adornos kennt. In seinem autobiografischen "Panegyrikus" (1989) formulierte er eine Selbsteinschätzung, die sämtliche notwendigen Ambivalenzen und Paradoxien einer kritischen Existenz ausblendet, ja negiert: "Ich habe jedenfalls bestimmt so gelebt, wie ich gefordert habe, dass man leben müsse."

Debord war in den 1980ern von der aufkommenden ökologischen Landwirtschaft sehr angetan, nicht aufgrund eines reaktionären Naturromantizismus, sondern weil die industrialisierte Landwirtschaft schlicht den Gebrauchswert der Produkte ruiniere. Nicht um einen verzichtsneurotischen Vegetarismus oder Veganismus war es ihm zu schaffen, sondern er lobte die Ökobauern, weil bei ihnen Rind, Kalb und Schwein von "ausgezeichneter Qualität sind, wie der erste Bissen bestätigt". Die "allgemeine Rückbildung der Sinnlichkeit", die sich gerade im Desinteresse am Geschmack von Essen und Trinken zeigt, sah er mit einer "außerordentlichen Rückbildung geistiger Klarheit" einhergehen. Und er hat recht: Wer nicht genießen kann, kann in aller Regel auch nicht denken.

Die Ignoranz gegenüber dem Antisemitismus, welche die Situationisten und Debord mit großen Teilen jener Linken teilten, die sie ansonsten scharf und völlig zu Recht attackierten, verunmöglichte ihnen ein Verständnis des Zionismus als Notwehrmaßnahme gegen diesen Antisemitismus. Das situationistische Unverständnis schlug sich in kruden Thesen über den Jom-Kippur-Krieg 1973 nieder, wenn Debord allen Ernstes behauptet, die Israelis hätten sich "am ersten Tag absichtlich angreifen lassen". Und für jenen arabischen, von den Nazis und den italienischen Faschisten unterstützten Aufstand der Jahre 1936 bis 1939, in dem mehr als 500 Juden von arabischen Pogromisten im palästinensischen Mandatsgebiet ermordet wurden, fand die SI stets lobende Worte.

Die Unfähigkeit zur adäquaten Einschätzung Israels wurde in späteren Jahren ergänzt durch eine Fixierung der Kritik auf die USA, die 1985 für Debord zum "Herzen des Spektakels" mutiert sind. Gesellschaftskritik verkommt hier zunehmend zum Geraunze über Fastfood und Hollywood-Kino, das auch heute Amerika-Hasser von links bis rechts eint. Bei Debord wurde diese antiamerikanische Nörgelei in den späten Texten durch einen Hang zu verschwörungstheoretischen Spekulationen komplettiert. Tatsächlich waren die Mitglieder der SI sowohl in Frankreich als auch in Italien immer wieder mit ganz realen "Verschwörungen" konfrontiert. Auch die bis heute ungeklärte Ermordung des französischen Verlegers von Debord, Gérard Lebovici, im Jahr 1984 dürfte das ihre dazu beigetragen haben.

Seine letzten Jahre verbrachte Debord nicht mehr in Paris, das für ihn eine zerstörte Stadt geworden war. In der Abgeschiedenheit eines Dorfes in der Auvergne sah er die heraufdämmernde Vereinnahmung seiner Person und seiner Kritik durch "Journalisten-Polizisten" mit großem Widerwillen: "Eine beunruhigende Sache (unter vielen) ist, dass man anfängt, Gutes über mich zu schreiben!" Über die Krankheit, die ihn im Jahr 1994 dazu brachte, sich das Leben zu nehmen, schrieb er am Tag seines Todes: "Es ist das Gegenteil von der Art Krankheit, die man sich durch eine bedauerliche Unvorsichtigkeit zuziehen kann. Dazu bedarf es im Gegenteil des getreuen Eigensinns eines ganzen Lebens." Dieser Eigensinn drückte sich nicht zuletzt in seinem hemmungslosen Alkoholkonsum aus, der keiner Erwähnung wert wäre, hätte er nicht selbst offenherzig und offensichtlich gerne darüber geschrieben: "Was ich von den wenigen Dingen, die ich mochte und auch beherrschte, am besten beherrschte, war das Trinken." (Von Stephan Grigat/DER STANDARD, Printausgabe, 7./8. 1. 2012)


Guy Debords Schriften sind in der Edition Tiamat erschienen, zuletzt "Ausgewählte Briefe, 1957-1994" (Hg. Klaus Bittermann), Berlin 2011. Stephan Grigat ist Lehrbeauftragter am Institut für Philosophie der Universität Wien und Autor von "Fetisch & Freiheit. Über die Rezeption der Marxschen Fetischkritik, die Emanzipation von Staat und Kapital und die Kritik des Antisemitismus" (ça ira 2007).

  • "Nicht sanfte Aufhebung war sein Programm, sondern Tabula rasa": 
Gesellschaftstheoretiker und -kritiker Guy Debord (1931 bis 1994).
    foto: edition tiamat

    "Nicht sanfte Aufhebung war sein Programm, sondern Tabula rasa": Gesellschaftstheoretiker und -kritiker Guy Debord (1931 bis 1994).

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