Komödie oder doch Tragödie?

6. Jänner 2012, 21:02
posten

Bilanz zum deutschen Kunstmarkt 2011: Rekord für Max Pechstein und starke Nachfrage für Klassische Moderne, dazu ein Fälscherskandal

Tatsächlich will diese Welt wohl betrogen werden. Denn thematisch regierte der Lug und Trug das deutsche Kunstmarktjahr 2011 wie keines zuvor - aber dies immerhin auf hochbegabtem Niveau (u. a. der Standard, "Provenienzen auf dem Prüfstand", 17. 12. 2011). Ein bisserl Schadenfreude blieb fraglos zurück. Denn der große Werner Spies, daselbst Picasso- und Max-Ernst-Intimus, irrte wohl siebenmal gutachterlich angesichts der Fälschungen des Kölner Betrüger-Genies Wolfgang Beltracchi, der auf dem internationalen Kunstmarkt für hohen Wellengang sorgte.

Der Fälscher selbst konnte im Oktober nach neun Verhandlungstagen das Kölner Landgericht verlassen und feiern. Justitia schluckte den trüben Deal-Cocktail, zusammengerührt von Gericht, Verteidigung und Staatsanwaltschaft: umfassende Geständnisse, ergo Strafminderung, ergo keine weitere gerichtliche Detailrecherche im brackigen Grundwasser dieses recht verzweigten Mega-Skandals. Und Thomas Bernhard selig hätte vermutlich gefragt: Ist es eine Komödie, ist es eine Tragödie?

Der recht flott auf Dürer gestylte Wolfgang Beltracchi, der ab Frühjahr 2012 sechs Jahre im offenen Vollzug vor sich hat, mochte Max Pechstein übrigens ganz besonders. Als ironischen Nachgesang auf all jenes mag man bewerten, dass ausgerechnet Max Pechsteins beidseitig bemaltes Gemälde (1910) aus rückseitigem Früchtestillleben und dem Motiv Weib mit Inder auf Teppich bei Ketterer (München) den Jahreszuschlagsvogel 2011 abschoss: Mit 3,5 Millionen Euro und über jeden Zweifel erhaben. Gemessen am Jahresumsatz setzte sich die Berliner Villa Grisebach mit 55,4 Millionen Euro an die Spitze. Eine Pole-Position, die über Jahre das von der Beltracchi-Gang bevorzugt genutzte Kölner Haus Lempertz für sich beanspruchte.

Die Klassische Moderne spielte dort heuer eine untergeordnete Rolle. Die beste Platzierung im Top-Ten-Ranking bewilligte ein japanischer Bieter bei 1,1 Millionen Euro für eine wuchtige Meißener Porzellanlöwin, gefolgt von Max Beckmanns Papierarbeit Löwenbändiger (864.000 Euro).

Erhellte nächtliche Heimkehr

Villa Grisebach bescherte das Segment Klassische Moderne im 25. Jubiläumsjahr jedenfalls Millionen-Umsätze mittels makelloser Top-Offerten von Nolde, Beckmann und Kirchner. Dem Kölner Auktionshaus Van Ham beschied das 19.Jahrhundert via Franz Pforr wiederum eine Umsatz-Kuriosität: die Nächtliche Heimkehr des Nazareners "erhellte" sich von 130.000 auf 740.000 Euro. Nicht minder freute man sich bei Bassenge im Berliner Grunewald über die Zuschlags-Karriere des niederländischen Symbolisten Jan Toorop: Die Taxe von 12.000 Euro gebar ein 425.000 Euro-Monster - dabei motivisch ein eher unspektakulärer alter Bauer vor einer Kathedrale.

Ein Fazit von Micaela Kapitzky / Villa Grisebach: "Der deutsche Auktionsmarkt ist stark wie selten zuvor. Das betrifft besonders die Klassische Moderne, für die Höchstpreise für herausragende Werke bezahlt werden. Die Zeitgenössische Kunst hat hingegen in Deutschland noch nicht wieder an den Ergebnissen aus den Jahren 2007/2008 anknüpfen können."  (Roland Gross/ DER STANDARD, Printausgabe, 7./8.1.2012)

  • Die Rückseite des deutschen Spitzenbildes 2011: Max Pechsteins 
Stillleben ("Weib mit Inder" auf der Vorder- seite) wechselte für 3,5 
Millionen Euro bei Ketterer (München) den Besitzer
    foto: ketterer kunst

    Die Rückseite des deutschen Spitzenbildes 2011: Max Pechsteins Stillleben ("Weib mit Inder" auf der Vorder- seite) wechselte für 3,5 Millionen Euro bei Ketterer (München) den Besitzer

  • Artikelbild
    grafik: standard
Share if you care.