Die chinesische Mauer nervt

4. Jänner 2012, 15:57
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Dass Facebook in China gesperrt ist, kann man verkraften. Innerhalb der neuen chinesichen Mauer zu leben, kann aber wirklich nervenaufreibend sein

In China das Internet zu benutzen, macht einfach keinen Spaß. Einerseits ist es so langsam, dass die langsamste Verbindung in Mitteleuropa noch als Hochgeschwindigkeitszugang durchgehen könnte. Zu Hauptinternetzeiten, also vor allem Abends, funktioniert oft minutenlang gar nichts. Den größten Internetprovider China Telecom scheint das nicht besonders zu interessieren. Er investiert vor allem in den Ausbau des Netzes und des Kundenstammes als in die Verbesserung der mangelhaften Qualität.

Dazu kommt das Problem der chinesischen Firewall, die häufig ironisch die "Große Firewall Chinas" oder die neue "Chinesische Mauer" genannt wird. Die erste chinesische Mauer wurde gebaut, um das Land gegen Angriffe der "Barbaren" aus dem Norden zu schützen. Eine ähnliche Argumentation gilt auch für die zweite Mauer. Die "Bestimmungen zur Kontrolle des Internets", die 1996 vom chinesischen Staatsrat erlassen erlassen wurden, konkretisieren die diesbezüglichen Maßnahmen. Macao, Hongkong und Taiwan sind von der Firewall ausgenommen.

Facebook, der Zensur-Klassiker

Wenn man gesperrte Seiten aufrufen will, gibt es verschiedene Ergebnisse. Bei manchen mittlerweile wohlbekannten Seiten, wie Facebook, meldet der Internetserver sofort "Seiten-Ladefehler". Andere Seiten aber wählen minuten- bis stundenlang immer weiter, ohne zu antworten. Das bedeutet eine noch langsamere Verbindung. Man weiß nie genau, was man gerade nicht aufrufen kann, denn jeden Tag werden andere Seiten gesperrt, während andere wieder zugänglich sind. Manchmal, wenn auch sehr selten, kann man frei auf Facebook zugreifen, dann wieder sind alle Server gesperrt. Die offizielle Begründung für die Sperrung von Facebook, Twitter und Co. war, dass so die Organisation von Demonstrationen und andere staatsgefährdenden Aktionen über soziale Netzwerke unterbunden werden kann. Dies wurde vor allem im Rahmen der Ausschreitungen in Tibet 2008 und in Xinjiang 2009 betont. Interessanterweise sind aber auch Seiten wie marxist.com gesperrt - eine merkwürdige Maßnahme in einem offiziell sozialistischen Land.

Die wunderbare Welt der Regierungs-Logik

Aber ganz davon abgesehen, ob man für solche Maßnahmen Verständnis aufbringen will oder nicht, diese Erklärungen sind nicht wirklich befriedigend. Denn einerseits liegen die angesprochenen Ausschreitungen schon Jahre zurück, andererseits machen die gesperrten Seiten auch oft überhaupt keinen Sinn: Die vor allem von Nicht-Chinesen benutzte Blogplattform Wordpress ist permanent gesperrt, während die von Chinesen genutzte blog.sina.com einwandfrei funktioniert. Die gezielte Sperrung von Blogs wird damit begründet, dass Unruhe und Kritik an der Regierung verhindert werden soll. Warum werden dann beispielsweise Blogs von Hanhan, einem bekannten Kritiker, nicht gesperrt, aber Reiseblogs schon? Warum kann Ai Weiwei jahrelang bloggen? Warum wird Twitter geblockt, während Ai Weiwei auf dem chinesischen Pendant Weibo täglich postet? Posts werden regelmäßig überwacht, doch manchmal werden erst Stunden später brisante Einträge gelöscht. In dieser Zeit haben die äußerst aktiven chinesischen Blogger die Posts schon längst in alle Internet-Richtungen verbreitet, so dass das Löschen der Inhalte fast schon obsolet ist. Und das weiß auch die Regierung.

Google? Bitte nicht...

Natürlich hört man als User schnell auf, willkürliche Seiten aufrufen zu wollen, und in Suchmaschinen überlegt man schon länger, wo man nach welchen Begriffen suchen will. Am besten lässt man, wenn möglich, nicht-chinesische Suchmaschinen gleich außen vor, denn Google China gibt es nicht, und Google Hongkong hat immer wieder minutenlange Ladezeiten. Man beginnt in China generell schnell, Google zu meiden; Googlemail-Adressen werden von den meisten Bewohnern der Volksrepublik nur ungern benutzt, weil sie nie wissen, ob eine wichtige Email überhaupt pünktlich abgerufen werden kann. Häufig ist Gmail gänzlich gesperrt und nur über VPN zugänglich. VPN und Proxis werden zwar von fast allen Nicht-Chinesen und auch sehr vielen Chinesen benutzt, um die allgegenwärtigen Blockaden zu umgehen, die teilweise Recherchetätigkeiten für Beruf und Universität immens behindern. Aber sie sind keine wirkliche Alternative, denn sie funktionieren nicht immer; manche kann man nur einige Wochen lang benutzen oder nur von öffentlichen Netzwerken aus.

Den Dalai Lama gibt es im chinesischen Internet nicht

Wie mühsam die Internetblockade wirklich ist, merkt man, wenn man - etwa als Journalist oder beim Schreiben der Diplomarbeit - auf Internetrecherchen angewiesen ist. Internetseiten, die Worte wie "Dalai Lama" enthalten, können nicht aufgerufen werden. Doch das kann jede Seite betreffen, die auch nur eine Vorlesung über tibetischen Buddhismus ankündigt. Das beinhaltet in meinem konkreten Fall beispielsweise, dass ich ohne VPN manchmal nicht einmal auf die Universitätshomepage zugreifen und somit nicht für meine Diplomarbeit recherchieren kann. Und während ich diesen Artikel schreibe, sind sämtliche deutschen und englischen Wikipedia-Artikel über China gesperrt. In dem Sinne: Die neue chinesische Mauer nervt.

  • Verbindung unterbrochen - ein gewohnter Anblick.  Den Dalai Lama gibt es im chinesischen Internet nicht.
    foto: derstandard.at

    Verbindung unterbrochen - ein gewohnter Anblick. Den Dalai Lama gibt es im chinesischen Internet nicht.

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