Vom Mythos der "Roten Juden"

8. Jänner 2012, 12:56
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Wissenschafterin untersucht die Rolle des imaginären Volkes in der jüdischen Popkultur

Frankfurt - Juden wie Christen beobachteten im 15. und 16. Jahrhundert sehr genau, ob die "Roten Juden" am Ende der Zeiten doch zurückkommen würden ... ein imaginäres Volk, das "in einem unerreichbaren sagenumwobenen Land hinter dem mythischen Fluss Sambatjon irgendwo im Osten oder Norden Asiens" lebt. Die Rolle der Roten Juden in der jüdischen Kultur vom Mittelalter bis in die Gegenwart erforscht die Judaistin Rebekka Voß an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main und im Wintersemester als Fellow an der Universität in Oxford. In der jüngsten Ausgabe des Magazins "Forschung Frankfurt" berichtet die Juniorprofessorin von ihren Recherchen.

Verlorene Stämme Israels

Im engeren Sinne bezeichnet der Ausdruck Rote Juden, jiddisch "rojte jidlech", die verlorenen zehn der insgesamt zwölf Stämme Israels. Diese zehn hatten zu biblischer Zeit das Nordreich Israel gebildet und waren bei seiner Zerstörung durch die Assyrer im 8. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung teilweise ins Exil geführt worden. Es entstand der Mythos von einer endzeitlichen Rückkehr der zehn Stämme, der sich nach der Zerstörung des Zweiten Tempels durch die Römer im Jahre 70 unserer Zeitrechnung fest in der apokalyptischen Literatur etablierte.

Mittelalter und Frühe Neuzeit

"Verschiedene Quellen zu den Roten Juden zeigen, wie dynamisch Juden und Christen im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit interagiert haben, was sich unter anderem in der Weitergabe von Geschichten und in der Sprache zeigt", erläutert Voß. Der früheste Beleg für die Roten Juden in der modernen jiddischen Literatur findet sich in der erstmals 1878 auf Jiddisch veröffentlichten Novelle "Die Reisen Benjamins des Dritten": Dabei griff Schalom Jakob Abramovitsch, eher bekannt als Mendele Mojcher Sforim, auf ältere Motive zurück, die aschkenasische Juden im kulturellen Gepäck aus den west- und mitteleuropäischen Gemeinden in ihre osteuropäische Heimat mitgebracht hatten. Für das legendäre Volk der Roten Juden war der mythische Fluss Sambatjon nicht zu überwinden. Denn sechs Tage tobte sein Wasser so sehr, dass niemand den Strom passieren konnte. Nur am Schabbat ruht er. Doch verboten die Schabbat-Gesetze an dem Tag die Überquerung des Flusses. Erst am Ende der Zeiten, wenn der Messias komme, werde Gott das Tosen stoppen und den Weg frei geben - so die Legende.

"Meine Quellenrecherchen haben ergeben, dass es weitaus mehr und vor allem wesentlich frühere Texte zu den Roten Juden gibt, als lange angenommen", so die Wissenschafterin.

Funktion als mächtige Krieger

Die Roten Juden hatten in jüdischen Entwürfen des Endzeitszenarios eine beinahe identische Funktion wie in der christlichen Apokalyptik: Sie waren die mächtigen Krieger, die an den Christen Rache für Jahrhunderte der Unterdrückung des jüdischen Volkes nehmen würden. In der Frühneuzeit spielten die Roten Juden eine bedeutende Rolle sowohl im jüdischen als auch im christlichen Denken. Sie waren für Juden wie Christen in Deutschland eine reale Macht, sowohl politisch-militärisch als auch in der Handelswelt. Ihre Existenz in den unbekannten Weiten der Welt galt bis zur Reformation als eine unbestrittene Tatsache, so war ihr Territorium noch bis weit ins 16. Jahrhundert auf vielen Weltkarten, zumeist im Osten oder Norden Asiens, verzeichnet. Erst mit wachsender Kenntnis der geografischen Verhältnisse verschwand das Gebiet der Roten Juden um 1600 langsam aus der Kartografie.

Da jeder Nachricht über die Roten Juden unter jeweils unterschiedlichen Vorzeichen apokalyptische Bedeutung zukam, verfolgten Juden wie Christen die Entwicklungen hinter dem Sambatjon seit jeher sehr genau. So zirkulierten im Jahr 1523, einem Jahr intensiver apokalyptischer Spekulation, in Deutschland unterschiedliche Flugschriften mit Neuigkeiten vom Vormarsch der Roten Juden, über die Juden und Christen sich austauschten.

Voß' besonderes Interesse gilt den vielfältigen Beziehungen des Judentums zu der umgebenden Mehrheitsgesellschaft, ihrer Kultur und Religion. Neuere Forschungen jüdischer Geschichte belegen eine enge, dynamische Interaktion von Juden und Christen in Mittelalter und Frühneuzeit - im alltäglichen Miteinander ebenso wie in Religion und Ritus. (red)

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