Mit Konfuzius in den Prüfungswahn

6. Juni 2003, 19:50
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Prüfungsfieber kann sich in China keiner erlauben - Alljährliche Aufnahmeprüfungen für die Unis nehmen durch Sars groteske Züge an

Peking - An der Skulptur des großen Konfuzius kleben bunte Zettel. "Beschütze mich. Mein ganzes Leben hängt von dieser Prüfung ab." Die Schülerin, die das geschrieben hat, verbeugt sich vor dem Altar in der Dacheng-Halle der Großen Vollendung. Ihr Vater steckt 40 Yuan (fünf Euro) in den Opferstock: "Sie soll es auf die beste Universität schaffen.

Nationale Aufnahmeprüfungen

Das Stoßgebet erfleht Hilfe vom ältesten Erzieher der Nation. Sein Beistand wird für die am heutigen Samstag beginnenden nationalen Aufnahmeprüfungen für die Hochschulen benötigt. Der vor 2500 Jahren geborene Morallehrer der Nation ist bei der coolen IT-Generation als Schutzheiliger wieder gefragt.

Groteske Züge

Die Hauptstadt und das gesamte Land versinken am Samstag für zwei Tage im alljährlichen Examensrummel. Unter der Bedrohung durch Sars hat der Prüfungswahn groteske Züge angenommen. Nichts geht mehr, wenn die 81.000 Pekinger Teilnehmer mit Mundschutz zur Gao Kao anrücken. 2700 Pekinger Polizisten sorgen für freie Fahrt ohne Ansteckungsrisiko.

Kein Prüfungsfieber

In China darf sich keiner der 6,13 Mio. Prüflinge erlauben, dem Examen entgegenzufiebern. Alle müssen Fieberpässe vorweisen. Zwei Wochen haben sie jeden Tag ihre Fieberwerte in Tabellen eintragen müssen. Die Behörden haben alles bis ins Kleinste geregelt. "Wir haben ein Drittel mehr an Prüfungsräumen vorbereitet, damit in keiner Klasse mehr als 20 Schüler zusammen sitzen müssen. Notfallpläne regeln, was zu tun ist, wenn einer der Schüler plötzlich über 38 Grad Temperatur hat", berichtet Pekings Erziehungsbeamter Ding Hongyu.

Den besten Platz ergattern

Sars wird neben dem Prüfungsstress zur psychischen Bürde. Jeder will den besten der mehr als drei Millionen verfügbaren und zentralistisch verteilten Studienplätze ergattern. Es müssen dieselben Prüfungsaufgaben in Chinesisch, Mathematik, Fremdsprachen und in einem Wahlfach beantwortet werden. Wer der Höchstzahl von 750 Punkten am nächsten kommt, hat freie Auswahl. Schummeln gilt als Staatsverbrechen.

Ein Studium garantiert jedoch keinen Arbeitsplatz mehr. Rufe nach Reformen des Prüfungs- und Verteilungssystems werden laut. Acht große Universitäten in Peking können künftig Begabte unabhängig von der Gao Kao fördern. Sie dürfen fünf Prozent der Studenten selbst aufnehmen. (Johnny Erling aus Peking, DER STANDARD Printausgabe 7/8.6.2003)

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