Provokation am Tag der Auschwitz-Befreiung

Blog1. Jänner 2012, 16:59
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Vorschlag für einen guten Vorsatz im neuen Jahr: den WKR-Ball am 27. Jänner 2012 absagen oder verschieben!

Der Jahreswechsel ist eine Zeit der guten Vorsätze: Zum Rauchen aufhören, gesünder essen, mehr Sport treiben, usw.. Mindestens ebenso wichtig und ehrenhaft sind Vorsätze, die über Persönliches hinausgehen und mit gesellschaftlichen Umständen in Zusammenhang stehen. Die, zum Beispiel, auf Deeskalation aktueller oder zu erwartender Konflikte abzielen.

Und hier gibt es, schon in der vierten Jännerwoche, einen aktuellen Anlass, der sich für einen solchen Vorsatz sehr gut eignet. Einen Anlass, der beachtliche Gefahren von politischer Blamage mit sich bringt: Der Wiener Korporationsball, abgekürzt: WKR-Ball - das laut Ankündigung „größte couleurstudentische Gesellschaftsereignis im deutschsprachigen Raum", zu dem in den vergangenen Jahren so mancher rechtsextreme Hetzer und Holocaust-Relativierer anreiste - soll heuer, 2012, just am 27. Jänner stattfinden.

In Deutschland ein Gedenktag

Also genau an jenem Tag, an dem sich die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz durch die Rote Armee jährt: Jenes Zwangsarbeits- und Todeslagers, das wie kein anderes ein Symbol des Nazi-Terrors ist. In Deutschland ist der 27. Jänner seit 1986 der "Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus", auch in vielen anderen Ländern wird an die Auschwitz-Befreiung erinnert. In Österreich hingegen sollen an diesem Tag heuer die Rechten tanzen.

Das ist ein ungutes, ja inakzeptables, terminliches Zusammentreffen, aus dem heraus sich ein Appell an alle für dieses festliche Ereignis Verantwortlichen, Zuständigen und Einflussmächtigen ergibt: Sagt diesen Ball ab oder verschiebt ihn! Sein Stattfinden an diesem Tag in der Wiener Hofburg, in unmittelbarer Nähe des Heldenplatzes, auf dem Adolf Hitler 1938 anlässlich des „Anschlusses" Österreichs ans Nazi-Reich bejubelt wurde, wäre für RepräsentantInnen aller NS-Opfergruppen - Juden und Jüdinnen, Roma und Sinti, Lesben und Schwule, Linke, Christen, Behinderte und andere - eine Provokation.

Vermeidbarer Schlag ins Gesicht

Die Absage oder Verschiebung wäre politisch wichtig, obwohl vielleicht Strafzahlungen zu vergegenwärtigen wären - und auch, obwohl der WKR-Ball heuer zum letzten Mal in der Wiener Hofburg stattfinden wird; das dortige Kongresszentrum als Vermieter hat ab 2013 den Vertrag aufgekündigt. Sollen die Hofburg-Feiern schlagender Verbindungen und befreundeter Organisationen wirklich mit einem derartigen Schlag ins Gesicht aller Holocaustopfer und Nachfahren enden?

Offenbar, denn die politisch Verantwortlichen, vom Bundespräsidenten und Bundeskanzler abwärts, haben zu dieser Sache bisher geschwiegen. Stattdessen hat ein aus AntifaschistInnen und DemokratInnen bestehendes Netzwerk namens „Jetzt Zeichen setzen" eine Gedenk- und Aktionswoche vom 20. bis 27. Jänner angekündigt. Am 27. Jänner um 10 Uhr ruft es zu einer Gedenkveranstaltung am Heldenplatz auf. Und am Abend dieses Tages soll dort eine Kundgebung starten. Eine wie jene, die in den vergangenen Jahren regelmäßig untersagt wurden, aber trotzdem stattfanden, was beidseitige Aufrüstung und hartes polizeiliches Vorgehen zur Folge hatte.

Die Frage ist, ob diese Eskalationsstrategie auch heuer unwidersprochen gefahren werden soll - oder ob es einen anderen Ausweg gibt. Ist es von Österreichs RepräsentantInnen selbst im Jahr 2012 noch zu viel verlangt, auf eine mit dem Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus in Zusammenhang stehende, mehr als ungute Optik hinzuweisen? (Irene Brickner, derStandard.at, 2. Jänner 2012)

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