"Das ist eine Wahnsinnsgeschichte"

Interview30. Dezember 2011, 17:44
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KTM-Motorsportberater Heinz Kinigadner erzählt von der Gegenwart und Vergangenheit der legendären Rallye

Standard: Sie checken den Auftritt von KTM bei der Dakar-Rallye von daheim aus. Weshalb?

Kinigadner: Seit dem Unfall meines Sohnes 2003 bin ich nicht mehr live dabei. Es ist schwierig, mit ihm nach Südamerika zu kommen. Ich bin die Kommandozentrale in Österreich. Während des Rennens weiß ich mehr als die Jungs drüben. Die Begleitfahrzeuge rufen bei mir an. Ich sehe am Computer mehr als die.

Standard: Hat sich das Wesen der Rallye geändert, seit sie in Südamerika stattfindet?

Kinigadner: Dramatisch. Man muss aber nach wie vor ein ganz guter Motorradlfahrer sein. Die Anforderungen an Fahrer und Material sind brutal. Es geht bis auf 5000 Meter Seehöhe hinauf. Es gibt extreme Dünenfelder. Die Dünen sind lang, das gibt es in Afrika ganz selten. Sie bestehen aus einer Art Puderstaub. Je mehr Fahrzeuge drüberfahren, desto tiefer wird es. Man spürt das gar nicht. Es ist wie Nebel. Das Problem ist, dass man nicht sieht, was drunter liegt an Steinen oder Wurzeln. Bis jetzt haben wir fast jedes Jahr Gewitter gehabt. Dann verwandelt sich alles in eine Schlammwüste.

Standard: In welcher Beziehung ist es einfacher geworden?

Kinigadner: Das Service funktioniert jetzt viel einfacher. Wir kommen mit normalen Lkws überall hin, die Straßen sind asphaltiert. Die Mechaniker können ganz normal mit Mietautos fahren. In Afrika hat es ja praktisch nur Rennteilnehmer gegeben.

Standard: Es ist also nicht mehr so abenteuerlich.

Kinigadner: Die großen Autofirmen haben leider eingeführt, dass die Spitzenfahrer in klimatisierten Wohnmobilen übernachten. Die müssen nicht mehr wie früher täglich ihr Zelt aufstellen.

Standard: Die KTM-Piloten tun das?

Kinigadner: Heuer haben sie sich zum ersten Mal auch Wohnmobile besorgt.

Standard: Wie viele Werksfahrer haben Sie im Rennen?

Kindiganer: Zwei, die für uns etwas gelten. Titelverteidiger Marc Coma und Cyril Despres. Jeder von ihnen hat natürlich einen Rucksackfahrer, der auch von uns bezahlt wird.

Standard: Was macht ein Rucksackfahrer?

Kinigadner: Er steht zu hundert Prozent im Dienste seines Piloten und sollte darauf schauen, dass er möglichst knapp hinter ihm fährt. Es müssen also gute Fahrer sein. Es bringt nichts, wenn er eine halbe Stunde hinter ihm fährt.

Standard: Das Motorrad darf aber nicht getauscht werden?

Kinigadner: Das nicht, aber sie dürfen fast alles am Motorrad tauschen, wenn etwa die Schwinge abreißt oder der Lenker bricht. Nur der Rahmen und der Motor dürfen nicht getauscht werden. Das ist sozusagen die erste Assistenz für den schnellen Fahrer.

Standard: Und die Rucksackfahrer bleiben dann in der Wüste?

Kinigadner: Die haben wiederum Absprachen mit ein paar Privatfahrern, die Ersatzteile mitführen.

Standard: Und worin besteht die zweite Assistenz für die Topfahrer?

Kinigadner: Hinten nach kommen die Service-Lkws. Aber sollte Coma einen Motorschaden haben, ist das Rennen gelaufen. Wir dürfen dann zwar den Motor auf der Strecke tauschen, aber das kostet mindestens zwei Stunden. Dann ist es gescheiter, man schickt den Ersatzteilfahrer ins Rennen.

Standard: Aus dem großen Abenteuer ist also längst ein Marketing-Tool geworden?

Kinigadner: Absolut. Die Veranstalter sprechen von vier Millionen Zuschauern. Das ist eine Wahnsinnsgeschichte. Südamerika ist ein wichtiger Markt für alle Hersteller. Es sind jetzt auch viel mehr Nordamerikaner dabei.

Standard: Wird die Dakar nicht mehr nach Hause kommen?

Kinigadner: Die Dakar da drüben hat ihren Platz gefunden. Ich glaube nicht, dass sie noch einmal nach Afrika zurückgeht. Obwohl für viele, die in Afrika gefahren sind, ein großer Wermutstropfen dabei ist. Wenn du in Südamerika einmal zehn Kilometer keinen Pickup siehst, weißt du: Ich bin falsch. In Afrika war ich oft 600 Kilometer vom nächsten Tuareg-Dorf entfernt. Da habe ich gewusst, wenn ich jetzt ein Problem habe, dann gibt's ein richtiges Abenteuer.

Standard: Mit GPS sind die Teilnehmer aber schon lange unterwegs.

Kinigadner: Ja, und ich finde, es war ein Schritt in die falsche Richtung. Früher hast du dich eine halbe Stunde am Tag mit dem Navigieren beschäftigt. Das GPS hat natürlich auch Vorteile. Es gehen nicht mehr so viele Leute verloren wie früher.

Standard: Was würden Sie Privatfahrern raten, die ja die Masse der Teilnehmer ausmachen?

Kinigadner: Vor allem zu Beginn vorsichtig sein. Wenn der Privatfahrer sein Eisen umschmeißt, schraubt er bis vier in der Früh. Um fünf fährt er wieder. Dann ist er übermüdet und stürzt wieder. Ich vergleiche die Rallye mit einer Lawine. Man sollte im Zentrum bleiben. Sonst fliegt man raus.

Standard: Sie selbst schafften es in Afrika bei sieben Versuchen nie ins Ziel.

Kinigadner: Ich habe es aus Abenteuerlust gemacht, bin aber dann in eine Favoritenrolle gedrängt worden, und das ist zulasten des Abenteuers gegangen.

Standard: Als Motocrossweltmeister gehört man halt zu den Favoriten.

Kinigadner: Klar, aber wir haben damals noch nicht das Motorrad gehabt zum Gewinnen. Und mein großes Manko war, dass ich von Anfang an Gas gegeben habe wie ein Gestörter, weil mir das Gasgeben getaugt hat. Und bei der Halbzeit war meistens vom Gerät oder von mir nichts mehr da.

Standard: Was war Ihr schlimmster Unfall?

Kinigadner: Der zertrümmerte Oberschenkel bei meiner letzten Dakar. Einmal bin ich mit dem Fuß im Sand hängen geblieben, das Kreuzbandl ist gerissen. Einmal ist mir der Sprit ausgegangen. Nach zwei Stunden habe ich einen bekommen und bin überhitzt losgefahren. In die zweite Düne bin ich mit dem Kopf eingetaucht.(Benno Zelsacher, DER STANDARD Printausgabe, 31.12./01.01.)

Heinz Kinigadner (51), Tiroler aus Uderns, 1984 und 1985 Motocross-Weltmeister. Bruder Hans ist seit einem Motocross-Unfall 1984 querschnittgelähmt. Heinz Kinigadner beendete 2003 nach einem Motocrossunfall seines Sohnes Hannes, der seither vom fünften Halswirbel abwärts gelähmt ist, seine Karriere. Er gründete mit Red-Bull-Chef Dietrich Mateschitz "Wings for Life", eine Stiftung für Rückenmarkforschung.

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    465 Teilnehmer aus 50 Ländern, verteilt auf vier Klassen - Autos, Motorräder, Quads, Lkws -, geben sich heuer die Rallye Dakar, die zum vierten Mal in Südamerika abgehalten wird. Diesmal geht's nicht nur durch Argentinien und Chile, sondern erstmals auch durch Peru. Auto-Titelverteidiger Nasser Al-Attiyah aus Katar ist in einem Hummer unterwegs. VW zog sich nach drei Touareg-Erfolgen en suite zurück, schickt dafür einen Polo in die Rallye-WM. KTM gewann bei den Motorrädern zuletzt zehnmal in Folge. Spaniens Marc Coma verteidigt seinen Titel. Schärfster Rivale dürfte sein französischer Kollege Cyril Despres sein. Beide feierten bisher drei Siege. Österreichs Beitrag ist der Salzburger Ferdinand Kreidl, der wie die Hälfte der Privatfahrer auf einer KTM sitzt. Der polnische Ex-Skispringer Adam Malysz, im Vorjahr noch bei der Tournee, versucht es in einem Mitsubishi.

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