"Wachsendes Phänomen der Frauen-Diskriminierung"

30. Dezember 2011, 09:57
71 Postings

In Tel Aviv randalierten Ultra-Orthodoxe: Sie wollen das öffentliche Leben nach einer strikten Geschlechtertrennung sehen

Tel Aviv - Hunderte ultra-orthodoxe Israelis haben am Donnerstagabend in der Stadt Beit Shemesh randaliert, nachdem ihre geplante Kundgebung abgesagt wurde. Sie warfen mit Steinen um sich, zündeten Abfalleimer an und hielten den Verkehr auf, hieß es nach Angaben von AugenzeugInnen. Drei Menschen wurden laut israelischen Medienberichten festgenommen.

Beit Shemesh war in den vergangenen Tagen in die Schlagzeilen geraten, nachdem das Fernsehen einen Bericht über ein Schulmädchen gezeigt hatte, das von einem ultraorthodoxen Mann bespuckt worden war. Das Mädchen soll nach Meinung religiöser Eiferer in der Stadt nicht sittsam gekleidet gewesen sein. Der Vorfall stieß auch in gemäßigteren religiösen Kreisen auf scharfe Kritik. Am Dienstag hatten mehrere tausend Israelis nach einem Aufruf von Menschenrechtsgruppen in Beit Shemesh gegen die Benachteiligung von Frauen im öffentlichen Leben demonstriert.

Konflikthintergründe

Hintergrund des Konflikts ist der eskalierende Streit über die von ultra-orthodoxen Juden geforderte Geschlechtertrennung in der Öffentlichkeit. Frauen werden unter anderem auf Schildern aufgefordert, vor den Synagogen auf die andere Straßenseite zu wechseln, in Bussen und Straßenbahnen hinten zu sitzen, sich im Supermarkt in getrennte Schlangen an der Kasse zu stellen sowie bei Wahlen verschiedene Wahlurnen zu benutzen.

Anklage wegen sexueller Belästigung

Unterdessen wurde in Israel ein orthodoxer Jude angeklagt, weil er eine junge Frau in einem Bus beschimpfte. Das Polizeigericht von Jerusalem habe am Donnerstag Anklage gegen den 44-jährigen Familienvater Shlomo Fuchs wegen sexueller Belästigung erhoben, teilte die Justiz mit. Demnach hatte der strenggläubige Jude die junge Frau unter anderem als "Hure" beschimpft, da sie sich in einem Bus weigerte, seiner Aufforderung zu folgen, sich hinten hinzusetzen.

"Das wachsende Phänomen der Diskriminierung von Frauen gefährdet die demokratische Gesellschaft", sagte die Richterin Eilat Diskin. Im Fall einer Verurteilung droht dem Angeklagten eine Haftstrafe von bis zu zwei Jahren. Da er die geforderte Kaution nicht zahlte, wurde er nach Angaben der Polizei in Gewahrsam behalten. In Israel ist nach einer Reihe von Vorfällen eine hitzige Debatte über die Diskriminierung von Frauen durch orthodoxe Juden und deren wachsenden Einfluss auf das öffentliche Leben entbrannt. (APA)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Ultra-Orthodoxe Juden wollen Frauen in öffentlichen Verkehrsmittel hinten sitzen sehen. Sie sollen zudem nicht in die Nähe einer Synagoge kommen, in Supermärkten an eigenen Kassen stehen und eigene Wahlurnen benutzen.

Share if you care.