Geburtsfehler vermiesen Euro-Jubiläum

Analyse23. Dezember 2011, 17:30
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Euro-Bargeld wird zehn Jahre alt. Zum Feiern gibt es wenig. Selbst die Preisstabilität erscheint gefährdet

Wien - Die ein oder andere Kinderkrankheit ist ausgestanden, Geburtsfehler sind geblieben. Das Zehn-Jahres-Jubiläum des Euro als Zahlungsmittel am 1. Jänner lässt so manche Anekdote aufleben. Etwa die Annahme gefälschter 300-Euro-Scheine, bei denen Kassierer auch noch artig Wechselgeld ausbezahlten. Während die Gemeinschaftswährung ihre wichtigen Ziele - Preisstabilität und Wegfall des Devisen-Umtauschs - erfüllt hat, sind die Konstruktionsmängel geblieben.

Ein Blick in ein Forschungspapier von Harvard-Professor Martin Feldstein ist dabei aufschlussreich. Im Jahr 2000 verwies er zum ersten Geburtstag des Euro auf die Probleme, die eine einheitliche Geldpolitik bei unterschiedlichen Wirtschaftsstrukturen bereiten: In Irland, Spanien und Portugal lasse eine starke Nachfrage die Inflation anschwellen und gefährde die Wettbewerbsfähigkeit der dortigen Industrie, während Deutschlands Konjunktur lahmte. Die Europäische Zentralbank suchte einen geldpolitischen Mittelweg, der allen Mitgliedern der Währungsunion gerecht wird. Diese auch "One size fits it all" genannte Strategie sei bereits für die damaligen elf Euroländer unangemessen gewesen, meinte Feldstein 2000 und warnte vor einer Vergrößerung der Probleme durch die Aufnahme neuer Länder. Der Ökonom vermisste ausreichende Migrationsbereitschaft, flexible Arbeits- und Produktemärkte sowie Fiskaltransfers, die zur Korrektur von Ungleichgewichten erforderlich seien.

Feldsteins Kritik hat sich mittlerweile weitgehend bestätigt, wie auch die verstärkten Bemühungen zur Koordinierung der Wirtschaftspolitik in der Zone zeigen. Der Berater von US-Präsident Barack Obama und Leiter des National of Economic Research sieht aber auch im neuen Kurs in Richtung Fiskalunion keine Lösung, weil die internen Konflikte in Europa dadurch wachsen würden. Er rät, das Scheitern des "Experiments" einzugestehen, das zu einer Banken- und Schuldenkrise sowie hoher Arbeitslosigkeit geführt habe.

Auch europäische Ökonomen stimmen zum Abgesang auf den Euro an: Gustav Horn, Leiter des gewerkschaftsnahen deutschen Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung, gibt der Währungsunion maximal noch ein halbes Jahr. Dabei liegen die Vorteile des gemeinsamen Zahlungsmittels auf der Hand: Im Außenhandel fielen Wechselkursschwankungen und damit die davor notwendigen Absicherungen dagegen weg, Reisen in der Eurozone wurde deutlich erleichtert.

Zweifel an der Preisstabilität

Selbst beim immer wieder von den Notenbanken voller Stolz vorgebrachten Argument der Preisstabilität gibt es Zweifel. Erstens lag die Inflation seit 2002 bis zum Krisenjahr 2009 deutlich über den angestrebten zwei Prozent. Zweitens sind die Unterschiede zwischen Eurozone und EU nicht allzu groß: Im Durchschnitt lag die Inflation in den fünf Jahren nach der Euroeinführung in der Währungsunion bei 2,2 Prozent, jene der Union bei 2,3 Prozent.

Das könnte sich allerdings ändern, sehen noch viele Analysten einen Kurswechsel der Europäischen Zentralbank (EZB) schon eingeleitet. Erst diese Woche pumpte sie 489 Milliarden Euro in die Geldmärkte, um die Banken mit Flüssigem zu versorgen. Insgesamt stehen die Institute mit 740 Milliarden bei der Zentralbank in der Kreide. Dazu kommen mehr als 200 Milliarden an aufgekauften Staatsanleihen. Angesichts der Rezessionstendenzen ist zwar nicht unmittelbar mit höherer Inflation zu rechnen, allerdings könnten die Notmaßnahmen bei Anziehen der Konjunktur die Preise sehr wohl treiben.

Bleibt die Frage, warum sich der Außenwert des Euro trotz der jüngsten Abschwächung recht wacker hält - zumindest gegenüber dem Dollar: Das hängt einerseits damit zusammen, dass die USA in Sachen Haushaltslage noch schlechter dastehen als die Eurozone. Andererseits geht der Exodus aus den europäischen Südländern einher mit einer Flucht in sichere Häfen, zu denen vor allem Deutschland zählt. Gewissermaßen werden also Euro-Investments in Italien in Euro-Anlagen in Deutschland getauscht.

Spekulanten könnten sogar bei einem Eurozerfall Gewinne einheimsen: Sollten Bundesanleihen eines Tages wieder in D-Mark notieren, ist mit einer starken Aufwertung der Währung zu rechnen. (Andreas Schnauder, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 24./25.12.2011)

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    Ex-EZB-Chef Wim Duisenberg würde sich wohl im Grabe umdrehen, wüsste er von den Zerfalls-erscheinungen des Euro. Als amtierender Zentralbank-Präsident bei der Einführung des Euro-Bargelds vor zehn Jahren war er voller Euphorie.

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