Santa Claus beschließt in Wien zu sterben

23. Dezember 2011, 18:40
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Traveling Santa ist seit 50 Jahren per Autostopp auf der ganzen Welt unterwegs, nun sucht er einen passenden Platz, um begraben zu werden

Wien/Nordpol - Der 25. Dezember ist kein guter Tag für den Weihnachtsmann. "From Hero to Zero", sagt er, da kann man nichts machen. Einmal stand er an demTag fünf Stunden imSchneegestöber an einer tschechischenAutobahn, bis ihn endlich einer mitnahm. DasFoto, das er beim Warten von sich machte, verkauft sich zumindest gut.

Noch viel schlimmer war aber der Tag, an dem ein Australier ihn mit demAuto mitnahm, nur um sich nicht allein per Fahrt gegen einen Baum umzubringen. Oder der, an dem er von einem Bären angegriffen wurde. Von all denRevolutionen und Kriegen ganz zu schweigen.

Seit 50 Jahren, sagt "Traveling Santa", sei er bereits per Autostopp unterwegs, meist in Europa oder Südamerika, weil die USA schon so "oversantad" sind. Seine Arbeitskleidung legt er auch beim Surfen an Hawaiis Stränden nicht ab. Das Geld für die Reisen verdient er sich nächtens mit demVerkauf von selbstgemachten Postkarten - derzeit allabendlich in Wien.

"It's Showtime" , murmelt er stets zu sich selbst, bevor er ein Lokal betritt, das Publikum reagiert meist begeistert. "Santa, Santa" , kreischen die Mädchen oft, es wird gesungen, fotografiert und zugeprostet. Nur bei der fanatischen Christkind-Fraktion kommt er manchmal nicht so gut an, vor allem alte Katholiken beschimpften ihn gern als Betrüger.

"Ich löse meist recht starke Emotionen aus", sagt Santa und erzählt, wie er in Ostberlin einmal eine halbe Stunde lang von einem Mann umarmt worden ist. "Ich habe mein Leben lang auf dich gewartet", soll der gesagt und nicht mehr losgelassen haben, bis Passanten ihre Hilfe anboten.

Wenn Leute ihn fragen, wo die Rentiere sind (zu Hause, nicht stadttauglich) oder wo er herkommt (Nordpol), antwortet er geduldig und ehrlich, den hartnäckigen Zweiflern zeigt er seinen Pass. Nur manchmal muss er lügen.

Etwa wenn er Spitäler besucht und krebskrankeKinder ihn fragen, ob sie ihren Hund mit in denHimmel nehmen können. Oder als ein Bub im Waisenhaus von Rio wissen wollte, warum ihn keiner liebt. "Alle lieben dich", hat er ihm geantwortet, "sie können es nur nicht immer zeigen."

InWien ist er derzeit nicht nur, um Weihnachten zu feiern: Travelling Santa sucht einen Friedhofsplatz. Vor einigen Monaten hatte er einen Herzinfarkt und ist nun mit Krücken und Elektrorollator unterwegs - es ist daher an der Zeit, sich umzusehen. Er mag die Stadt, sie ist nicht zu groß, nicht zu klein, und mit den Leuten kommt er auch gut aus. Bloß der Rauch in den Lokalen geht ihm auf die Nerven.

Noch will er sich aber nicht zum Sterben legen. Im Jänner will er nach Portugal fahren, von dort nach Marokko und dann nach Algerien. Und auch für den 24. hat er Pläne: "Geschenke verteilen." (Tobias Müller/DER STANDARD, Printausgabe, 24./25.12.2011)

  • Santa on the Road.
    foto: der standard

    Santa on the Road.

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