Die Kompensatoren des kranken Systems

22. Dezember 2011, 19:25
181 Postings

90.000 Krankenschwestern und Pfleger kämpfen mit den gleichen Bedingungen wie die Ärzte: Zeitdruck, Personalmangel, Überlastung - Doch anders als den Medizinern fehlt ihnen die Lobby, um sich Gehör zu verschaffen

Wien - Überstunden, viel Verantwortung, zu wenig Personal - in den vergangenen Wochen wurde in der Öffentlichkeit viel debattiert um die Arbeitsbelastungen der knapp 40.000 Ärzte in Österreich. Im größten Krankenhaus des Landes, dem Wiener AKH, drohten die Mediziner sogar mit Streik, sollte weiter eingespart werden.

Dem gegenüber stehen rund 90.000 Krankenschwestern und Pfleger, deren Klagen kaum hörbar ist. Die Bedingungen sind dieselben. Doch anders als bei den Ärzten hat diese Berufsgruppe keine echte Interessenvertretung. Das Dienstrecht ist restriktiv, die Hierarchie im Gesundheitswesen ebenso. "Ich bin vermutlich die Einzige der 90.000, die frei darüber sprechen kann, was schiefläuft im System", sagt Ursula Frohner, Präsidentin des Österreichischen Gesundheits- und Krankenpflegeverbandes. Anders als bei der Ärztekammer gibt es keine Pflichtmitgliedschaft, die Vernetzung ist sehr lose.

"Wir sind nicht besonders politisch, das liegt in der Tradition des Berufes", sagt Frohner, "das Rollenbild der Frau macht einen großen Teil der defensiven Haltung aus." 92 Prozent der Menschen in Gesundheits- und Pflegeberufen sind weiblich und im Durchschnitt 38,5 Jahre alt. Die Verweildauer im Dienst beträgt für gewöhnlich zehn Jahre. Burnout und Erschöpfung, davon will Frohner gar nicht erst anfangen: "Wir sind darauf konditioniert, die Mängel des Systems zu kompensieren."

Die demografischen Veränderungen und gleichzeitigen Einsparungen hätten in den vergangenen zehn Jahren zu einer spürbaren Leistungsverdichtung geführt. Die Patienten werden älter, die Krankheitsverläufe komplexer. Dazu kommt der sogenannte Auslastungs-Turnover: Es kommen mehr Patienten auf ein Bett als früher. Gleichzeitig soll die Langzeitpflege billig werden. Frohner: "Wir sind in einer Sandwich-Position, die sich zunehmend verschärft."

Ja, der Zeitmangel sei ein echtes Problem, erzählt Saskia R., die gerade im dritten und damit letzten Ausbildungsjahr zur diplomierten Krankenschwester ist. "Das Gespräch mit dem Patienten, der unser Mittelpunkt sein sollte, bleibt auf der Strecke."

Bald ist sie auf Jobsuche, deswegen möchte sie anonym bleiben. "Es ist ohnehin schwierig, einen Job zu finden", obwohl die Personaldecke in allen Bundesländern laut Frohner "dünn bis löchrig" sei. Aus Spargründen würden mehr Pflegehelfer denn Diplomierte eingestellt. Die sind nun mal günstiger.

Blutdruck oder Blumenvase

Botengänge, Administration, Blumen wässern, Essen ausgeben - all diese berufsfremden Tätigkeiten würden die wichtige Gesprächszeit mit dem Patienten auffressen, kritisiert Frohner. "Von der Ausbildung her ist uns das Blutdruckgerät näher als die Blumenvase." Eine konkrete Forderung des Pflegeverbandes ist daher Büro-, Reinigungs- und Servicekräfte in den Spitälern einzustellen, um das Pflegepersonal zu entlasten. Unter den Bedingungen würden die Kräfte aus dem Ausland auch bald ausbleiben, befürchtet Frohner. Das Berufsbild habe ein Attraktivitätsproblem.

Um auch den pflegenden Angehörigen Unterstützung zu bieten, schlägt sie "Pflege-Stützpunkte" vor, flankierend zu den niedergelassenen Ärzten. "In den Niederlanden funktioniert das." (Julia Herrnböck, DER STANDARD, Printausgabe, 23.12.2011)

  • Zwei Schwestern, ein Patient - das ist eher die Ausnahme als die 
Regel: In Österreich kommen auf 1000 Einwohner 7,6 diplomierte Pfleger. 
In Deutschland sind es 10,98, in der Schweiz sogar 15,9.
    foto: standard/newald

    Zwei Schwestern, ein Patient - das ist eher die Ausnahme als die Regel: In Österreich kommen auf 1000 Einwohner 7,6 diplomierte Pfleger. In Deutschland sind es 10,98, in der Schweiz sogar 15,9.

Share if you care.