Kein Mond? Kein Problem!

27. Dezember 2011, 12:11
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Seit 1993 galt: Es muss ein Mond da sein, der die Achse "seines" Planeten stabil hält - nicht unbedingt, errechneten Forscher der NASA

Eine ganze Reihe physikalischer Faktoren hat das Leben auf der Erde begünstigt beziehungsweise in der Form, die es angenommen hat, überhaupt erst ermöglicht. Das beginnt natürlich damit, dass die Erde sich genau in dem Abstand zur Sonne befindet, in dem Wasser seinen flüssigen Zustand annehmen kann. Dazu gehört aber auch zum Beispiel die Position der Sonne in einer Region der Galaxis, in der die Sterne nicht so dicht gedrängt stehen, dass wir ständig durch Strahlenausbrüche in der Nachbarschaft beeinträchtigt werden. Oder das Vorhandensein riesiger massereicher Planeten in den äußeren Bereichen des Sonnensystems, die einen Großteil der von außen eindringenden Kometen und anderer kleiner Himmelskörper von uns ablenken.

Leben unter keinen oder nur unter anderen Umständen?

Je mehr die Astronomie das Zusammenspiel dieser Faktoren - und seinen Nutzen für uns - entschlüsselt hat, desto mehr schien dies einer äußerst umstrittenen Interpretation des anthropischen Prinzips Aufwind zu geben. Nämlich dass das Universum für die Entwicklung bewusstseinsfähigen Lebens nicht nur geeignet, sondern sogar eigens dafür angelegt sei. Dieser nicht zuletzt unter Kreationisten beliebten Sichtweise hat der populärwissenschaftliche Autor Neil F. Comins eine PR-Offensive entgegenzuhalten versucht. Er veröffentlichte einige Bücher, in denen er der Frage nachging, ob Leben nicht auch unter anderen physikalischen Rahmenbedingungen zustande kommen könnte (siehe hier).

Das bekannteste dieser Bücher trägt den Titel "What If the Moon Didn't Exist?" und erhielt kürzlich eine Art Postskriptum durch NASA-Forscher. Ein großer Trabant, wie die Erde einen hat, sei keineswegs lebenswichtig, schreiben sie in der Fachzeitschrift "Icarus". Mehr noch: Das Vorhandensein eines Mondes könne sogar schädlich sein, schreibt Darren Williams von der Pennsylvania State University im "New Scientist" - das sei ganz von der jeweiligen Situation in einem bestimmten Sternensystem abhängig

Die Rolle des Mondes

Die Bedeutung des Mondes liegt nicht nur darin, dass er auf der Erde Gezeiten auslöst, welche die Entstehung und Evolution von Leben eher gefördert haben dürften als eine Situation totaler Stabilität. Als wichtiger wurde seit einer französischen Studie aus dem Jahr 1993 angenommen, dass der Mond eine stabilisierende Wirkung auf die Erdachse ausübt. Ohne ihn würde diese im Bereich zwischen 0 und 85 Grad beträchtlichen Schwankungen unterliegen - mit klimatischen Folgen in einem Ausmaß an "Abwechslung", der die Entwicklung von komplexem Leben nicht mehr fördern würde. 

Die Forscher um Jack Lissauer vom Ames Research Center der NASA sind nun aber zu dem Schluss gekommen, dass die Kernaussage dieser Studie zwar richtig sei. Doch habe man sich damals bei der Größenordnung der Schwankungen geirrt und auch den zeitlichen Rahmen unterschätzt. Sie simulierten die Achsenschwankungen eines erdartigen Planeten ohne Mond und kamen dabei auf eine deutlich engere Bandbreite von 10 bis 50 Grad.

Zudem habe die Simulation Perioden vergleichsweiser Stabilität ergeben, die bis zu 500 Millionen Jahre dauerten. Zum Vergleich: Das entspricht dem Zeitraum vom späten Kambrium bis zur Gegenwart und beinhaltet immerhin die gesamte Evolution von den noch kieferlosen Frühformen der Wirbeltiere bis zum Menschen.

Die Simulation der Forscher reichte von der Entstehung des mondlosen Planeten bis in etwa zum Alter der heutigen Erde, insgesamt vier Milliarden Jahre. Lissauer räumt ein, dass sich über noch längere Zeitspannen hinweg die Achsenschwankungen deutlich verstärken könnten. Allerdings komme man dann bald in zeitliche Dimensionen, in denen die Lebensspanne des Muttersterns die Verhältnisse in dessen Planetensystem ohnehin über den Haufen wirft.

Die Bedeutung für die Aussichten auf außerirdisches Leben

Die 1993er Studie hatte große Bedeutung für die Berechnungen, ob bzw. wie oft sich Leben auch auf anderen Planeten entwickelt haben könnte. Wäre dies ohne einen großen Mond nicht möglich, würden die Chancen deutlich sinken. Das deshalb, weil der Mond den gängigsten astronomischen Theorien zufolge das Überbleibsel aus einer Kollision einer früheren Version der Erde mit einem kleineren Planeten ist. Und solche Kollisionen mit anschließender Stabilisierung als System aus Planet und großem Trabanten dürften sich kaum in jedem Sternensystem ereignen - weniger als zehn Prozent aller erdähnlichen Planeten dürfte Berechnungen zufolge dergleichen widerfahren.

Braucht man nicht unbedingt einen Mond, ist der Schluss für Lissauer daher klar: "Es könnte eine Menge mehr bewohnbare Welten da draußen geben." Weitere Simulationen, in denen die Forscher auch das Planetensystem variieren, sollen folgen. (red)

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