"Das Loch ist praktisch verschwunden"

2. Jänner 2012, 17:30
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Eistauchen fordert alljährlich seine Opfer - Mehrfacher Weltrekordhalter Christian Redl führt tödliche Unfälle vor allem auf schlechte Ausbildung zurück

Normalerweise können Temperaturverlust und Orientierungslosigkeit schnell zum tödlichen Verhängnis werden. 2010 legte der niederösterreichische Apnoetaucher Christian Redl als erster Mensch mit Hilfe von Flossen eine Strecke von 100 Metern unter einer geschlossenen Eisdecke zurück. 2011 tauchte er unter Eis mit Hilfe eines Gewichtes auf eine Tiefe von 61 Meter hinab und aus eigener Kraft wieder hinauf. Dieser Tauchgang ist bis heute der tiefste Freitauchgang unter Eis. Im Gespräch mit derStandard.at erzählt er wie Temperaturverlust und Orientierungslosigkeit beim Eistauchen zum tödlichen Verhängnis werden können.

derStandard.at: Was fasziniert Sie am Eistauchen?

Redl: Zum einen fasziniert mich die mentale Komponente, im Zusammenhang mit der Tatsache nicht jederzeit auftauchen zu können. Und zum anderen ist es ein aufregendes Gefühl mit dem Bauch nach oben gerichtet, die Eisdecke mit den Fingerspitzen zu berühren, einen Flossenschlag zu machen und dann einige Meter weit dahin zu gleiten. 

derStandard.at: Das heißt, Sie bewegen sich beim Eistauchen an der Oberfläche und gehen nicht in die Tiefe?

Redl: Normalerweise geht es nicht darum in die Tiefe zu tauchen. Das ist eigentlich viel zu gefährlich und bringt auch nichts. Es geht mehr um das Erlebnis Eis, die unendlichen Sichtweiten, die sich unmittelbar unter dem Eis ergeben. 

derStandard.at: Was macht das Eistauchen zu einem gefährlichen Sport?

Redl: Im Prinzip birgt das Eistauchen zwei Gefahren: Die Wassertemperatur, die den Organismus sehr schnell auskühlen lässt und die Eisdecke, die es dem Taucher unmöglich macht jederzeit das Wasser zu verlassen. Versuche, die Eisdecke mit einem Messer zu durchstoßen bringen nichts. Man muss das Einstiegsloch finden und das ist selbst, wenn man sich nur einen Meter davon entfernt bewegt, sehr schwierig. Das Loch ist nicht sichtbar, praktisch verschwunden. 

derStandard.at: Ist das der Grund, warum es immer wieder zu tödlichen Unfällen kommt?

Redl: Ja und eigentlich liegt es nur daran, dass die meisten Eistauchen schlecht ausgebildet sind und keine ausreichenden Sicherheitsmaßnahmen treffen. Wenn man mit genug Respekt an die Sache herangeht, dann ist dieser Sport auch sicher. Entscheidend ist zu wissen, was man gegen Temperaturverlust und bei Orientierungslosigkeit tut. Angenommen ein Taucher befindet sich zehn Meter weit vom Einstiegsloch weg, und bekommt ein Problem aufgrund der Wassertemperatur. Das Tauchgerät vereist beispielsweise und es bleibt nicht mehr viel Zeit, um zurück zum Loch zu gelangen. So eine Situation erzeugt gewaltigen Stress, das erhöht zusätzlich den Sauerstoffverbrauch, und macht die Lage noch brenzliger. 

derStandard.at: Wie lässt sich so eine Situation verhindern?

Redl: Auf jeden Fall mit Seil unter das Eis gehen, und eventuell zwei Flaschen verwenden oder zumindest eine Flasche mit zwei Abgängen. Falls dann ein Lungenautomat vereist, kann man immer noch auf das zweite System zurückgreifen. Außerdem macht das beste Equipment keinen Sinn, wenn sich an der Oberfläche eine Person befindet, die vom Eistauchen keine Ahnung hat. Auch unter Wasser sollte man immer zu zweit sein.

derStandard.at: Wie schützt man den Körper am besten vor der drohenden Unterkühlung? 

Redl: Beim Eistauchen befindet sich der Taucher maximal zwanzig Minuten unter Wasser und trägt zum Schutz vor Auskühlung einen sogenannten Trockenanzug. Dieser Anzug sorgt für eine optimale Wärmeisolierung, setzt aber voraus, das man mit diesem Material aber auch umgehen kann. Das Tauchen mit einem Trockenanzug ist völlig anders, als mit einem Nassanzug. Der Trockenanzug sollte daher nicht unter Eis das erste Mal getestet werden, sondern am besten bevor ein See zugefroren ist. 

derStandard.at: Beim Gerätetauchen lassen sich Sicherheitsvorkehrungen treffen. Wie ist das beim Apnoetauchen?

Redl: Hier ist die Zeit, die ich mich unter dem Eis bewege natürlich noch eingeschränkter, aufgrund der Tatsache, dass ich keine Luft mitnehme. Dazu kommt, dass der Apnoeeistaucher keinen Trockenanzug verwenden kann. Als Freitaucher gehe ich mit einem drei bis fünf Millimeter dicken Neoprenanzug in das Wasser, derselbe Anzug mit dem ich auch im Sommer tauche. Bei meinem letzten Rekord im Apnoeeistauchen hatte ich in 15 Meter Tiefe das Gefühl, dass ich splitterfasernackt bin. Ich dachte mir friert die Wirbelsäule ein. Es ist daher extrem wichtig, dass draußen auf dem Eis Zelte mit Heizkanonen aufgebaut sind, damit der Organismus nach dem Tauchgang entsprechend aufgewärmt werden kann. 

derStandard.at: Warum kann der Apnoeeistaucher keinen Trockentauchanzug verwenden?

Redl: Trockenanzüge sind mit Luft gefüllt und diese Luft wird im Wasser komprimiert. Die Luft sorgt für sehr viel Auftrieb und für eine reduzierte Beweglichkeit. Man ist also beim Schwimmen behindert und muss mehr Blei mitnehmen. Wenn ich mit einem Trockenanzug zwei oder drei Meter abtauche, dann muss ich den Anzug immer wieder mit Luft aus der Pressluftflasche befüllen, damit die Menge dieselbe bleibt. Das Problem ist, mit jedem Meter, den ich tiefer gehe, erhöht sich auch der Wasserdruck. Das heißt, die Luft im Anzug wird komprimiert und spätestens in fünf Metern Tiefe, ist der Druck auf meinen Körper so groß, dass es mir das gesamte Blut absperrt. 

derStandard.at: Als Freitaucher geht es im Eis also doch auch um die Tiefe?

Redl: Es gibt verschiedene Disziplinen. Neben dem Streckentauchen, wo ich von A nach B tauche, gibt es auch das Tieftauchen, wo ich mit Hilfe eines Gewichtes in die Tiefe gehe und aus eigener Kraft wieder auftauche. Das Tieftauchen finde ich persönlich aber mental nicht so spannend, wie das Streckentauchen. 

derStandard.at: Wie macht sich die Kälte beim Apnoetauchen bemerkbar?

Durch das eiskalte Wasser gerät der Organismus in eine Art Schockzustand. Das heißt sämtliche Körperfunktionen werden sehr schnell nach unten gefahren, damit der Sauerstoffverbrauch sinkt. Das ist natürlich positiv, erschwert aber den Druckausgleich weil sich das Lungenvolumen um ein Drittel verkleinert und birgt außerdem noch einen Nachteil: Sobald ich anfange zu frieren, mein Körper also zu zittern beginnt, steigt der Energieverbrauch. Das ist ein Riesenproblem und der Grund warum man im kalten Wasser nicht so lange, so weit und so tief tauchen kann. Mein Energieverbrauch wurde einmal im Zuge eines Rekordversuches gemessen. Damals war ich zehn Minuten im Wasser und mein Organismus hat ungefähr so viele Kalorien verbraucht, als wenn ich einen Marathon gelaufen wäre. Dieser extrem hohe Energieaufwand, dient dazu die Körperkerntemperatur und damit die Vitalfunktionen aufrecht zu erhalten.

derStandard.at: Wie lange können Sie sich im Eiswasser aufhalten?

Redl: Ich persönlich maximal zehn Minuten. Ich gehe rein in das Einstiegsloch und habe dann maximal zwei Minuten um den Tauchgang zu starten. Innerhalb dieser kurzen Zeit muss ich sicher sein, dass ich es schaffe und losschwimmen, weil nach vier bis fünf Minuten ist der Körper soweit ausgekühlt, dass ich diese Leistung gar nicht mehr erbringen kann. Nach spätestens 10 Minuten beginne ich heftig zu zittern und fünf Minuten danach wäre ich bereits so unterkühlt, dass mir die Temperatur nichts mehr ausmacht. Sobald ich freiwillig noch im Wasser bleiben will, wird es lebensgefährlich, weil mein Einschätzungsvermögen mit der Realität nichts mehr zu tun hat. 

derStandard.at: Sie haben 2007 eine Weltmeisterschaft im Unterwassereishockey organisiert. Wie kommt man auf so eine ungewöhnliche Idee?

Redl: Ich habe 2003 meinen ersten Weltrekord im Streckentauchen im Eistauchen aufgestellt. Das war sehr faszinierend und ein unglaubliches Erlebnis. Ich wollte wieder unter das Eis, allerdings ist es nicht besonders spannend, den eigenen Rekord zu brechen. Deshalb habe ich mir etwas anderes überlegt und zweimal eine Art Eishockey-Ländermatch unter dem Eis organisiert. Dabei wurden die Tore verkehrt unter dem Eisbefestigt, die Spielzeit gedrittelt und pro Mannschaft haben zwei Spieler gegeneinander gespielt. Außerhalb des Spielfeldes haben wir Löcher zum Atmen in die Eisdecke geschnitten. Bei der Weltmeisterschaft im Jahr 2007 sind dann acht Nationen am Start gewesen und Österreich wurde Vizeweltmeister. Das war ein sehr aufregender und lustiger Event, deshalb überlegen wir nun, im Winter 2012 erneut eine Weltmeisterschaft zu organisieren. (derStandard.at, 02.12.2011)

  • Der Apnoetaucher Christian Redl (35) stellte bis dato acht Weltreckorde in nicht offiziellen Disziplinen des Freitauchens auf, von denen er aktuell noch drei Weltrekorde hält. 2010 legte er unter Eis eine Strecke von 100 Metern in 1 Minute 12 Sekunden zurück. Dieser Rekord wurde 2011 von Nik Linder gebrochen. Die neue Bestmarke liegt bei 108 Meter.
    foto: jörg carstensen

    Der Apnoetaucher Christian Redl (35) stellte bis dato acht Weltreckorde in nicht offiziellen Disziplinen des Freitauchens auf, von denen er aktuell noch drei Weltrekorde hält. 2010 legte er unter Eis eine Strecke von 100 Metern in 1 Minute 12 Sekunden zurück. Dieser Rekord wurde 2011 von Nik Linder gebrochen. Die neue Bestmarke liegt bei 108 Meter.

  • Der Niederösterreicher ist auch Initiator einer Weltmeisterschaft im Eishockey unter Eis.
    foto: manfred dorner

    Der Niederösterreicher ist auch Initiator einer Weltmeisterschaft im Eishockey unter Eis.

  • Der letzte Weltrekord im Februar 2001: Redl tauchte mit Hilfe eines Gewichtes auf eine Tiefe von 61 Meter hinab. Dieser Rekord ist bis heute ungebrochen.
    foto: harald slauschek

    Der letzte Weltrekord im Februar 2001: Redl tauchte mit Hilfe eines Gewichtes auf eine Tiefe von 61 Meter hinab. Dieser Rekord ist bis heute ungebrochen.

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