Männlich und perspektivlos sucht letzte Chance

20. Dezember 2011, 07:00
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"Blockstars": Sozial mobil dank Reality-Show - Sido will aus "Ghetto"-Jungs Neureiche machen

"Beweg deinen Arsch!". Nicht nur als Künstler verbreitet der deutsche Rapper Sido diesen Appell. In der neuen ORF-Reality-Show "Blockstars" macht er das auch als frischgebackener Sozialarbeiter. In dieser Profession ist Sido zwar Autodidakt, aber er kommt ja auch aus einem "sozialen Brennpunkt", na dann. Denn genau in einem solchen sucht Sido nach Protagonisten für eine Casting-Band, deren Entstehung in "Blockstars" mitverfolgt wird. Das Anforderungsprofil an die Jung-Stars: Männlich, "extrem" perspektivenlos und eine harte Vergangenheit - klingt logisch, verkauften doch entlang dieser Eckdaten charmante Burschen wie 50 Cent oder Bushido Millionen von Platten. Auch bei Sido hat es so geklappt: Sein exemplarischer Aufstieg wurde in der ersten "Blockstars"-Folge letzten Donnerstag in einer adaptierten Kurzfassung von Eminems "8 Mile" dargestellt.

Stereotyp, entblößend und bemitleidend

In Simmering, Linz oder Mödling steckt der Musiker seine Nase in zu kleine oder zu unaufgeräumte Wohnungen. Die Kamerafahrten führen das Leben der Kandidaten als ein unwürdiges vor, das von Kommentaren aus dem Off und Sido höchstpersönlich beschlossen wird.

Diese Mischung kennen wir bereits aus den vielen Jahren Reality TV, sei es durch die "Super Nanny", den "Schuldenberater" oder die Hartz IV-Eintreiber im deutschen Nachbarland. Doch Moment - der ORF ist ja kein Privatsender. Da muss schon was in puncto Bildungsfernsehen her und so wird ein stinknormales Reality- oder Casting-Format kreiert, das einen sozialkritischen Anspruch vor sich her trägt (und selbst das macht der ORF den Privaten nur nach).

Eingriffe in das Privatleben der Protagonisten werden deshalb zwar vorgenommen, doch bei "Blockstars" passiert das nicht etwa wegen der Einschaltquoten, sondern nur aufgrund ehrlicher Empörung über die sozialen Zustände. Diese Intention wird zumindest immer wieder betont, von Sido und von der Stimme aus dem Off. Das nützt allerdings wenig, wenn an der Darstellung dieser Umstände alles wie gehabt ist: Stereotyp, entblößend und bemitleidend.

Letzte Chance!

Auch mit Hannes Eder, der im ORF als Autorität in allen Fragen zu jungen Talenten und hartem Musikbusiness von Interview zu Interview gereicht wird, wird versucht, Kritik vorwegzunehmen. "Da wird niemand vorgeführt", beruhigt Sido Eders brav vorgetragenen Einwand von möglicherweise zuviel Voyeurismus. In der gleichen Sendung wird gnadenlos draufgehalten, als sich Kandidat Michael sichtlich für seine betrunkenen Eltern schämt, die sich vor der Kamera die Kante geben. Greift hier das alt bekannte Reality-TV Argument, alle hätten freiwillig zugestimmt? Michael tut offenbar viel für die "letzte Chance hier raus zukommen", und die beiden Eltern sind schlichtweg betrunken.

"Rausholen" bedeutet bei "Blockstars" übrigens auch rein in ein Leben, wie wir es aus Rap-Videos kennen. Die Kandidaten werden in einer Hummer-Limousine abgeholt, in einer 650 qm Wohnung untergebracht, und für die nächsten Folgen wird ihnen ein "sexy Bandzuwachs" versprochen.

Es gäbe noch viel zu kritisieren an "Blockstars": Die schnöden "du kannst es schaffen"-Predigten, - vorausgesetzt du passt in das Klischeebild eines Rap-Musikers und wirst deshalb auserwählt - , die schon in der ersten Sendung angedeuteten plump inszenierten Konflikte, der pädagogisch wenig wertvolle Subtext, möglichst viel Blödsinn gemacht haben zu müssen, damit man sich dann markttauglich als authentisch präsentieren kann und so weiter.

Geliebte/gehasste Mütter

Sehr halbherzig hat der ORF hier versucht, sich möglichst gut gegen Kritik abzusichern und hat so auch noch das Offensichtlichste übersehen. Homophobie und Sexismus ist in vielen Texten halbstarker Musiker eine wesentliche Zutat. Gegen Schwulenfeindlichkeit versucht man sich mit einem schwulen Sido-"Assistenten" immun zu machen, was etwas peinlich wirkt. Mit einer rein männlichen Kandidatenschaft hatte man offenbar keine Probleme, die zu allem Überfluss auch noch ständig mit "Menschen aus sozial schwachem Umfeld" beschrieben werden. Wenn die Show den Fokus auf "junge Männer" legen will, sollte das auch so gesagt werden. Stattdessen wird aber stumm der ohnehin in allen Musikkanälen präsenten Annahme der Rücken gestärkt, dass nur Männer rappen können. Eine Künstlerin darf sich voraussichtlich höchstens - no na - als "Sängerin" und optischer Aufputz dazugesellen. Frauen schafften es bisher nur als geliebte/gehasste Mütter oder als unterstützende Ehefrau vor die Kamera.

Aber eine war da noch, in der ersten Folge "Blockstars". Sie servierte den Männern im Luxusappartement das Essen. Wenn das keine Vorlage für ein gelungenes Rap-Video ist. (Beate Hausbichler, dieStandard.at, 20.12.2011)

Info

Donnerstag, 21.50 auf ORF 1

  • Sido mit seinen Schützlingen.
    foto: orf/thomas ramstorfer

    Sido mit seinen Schützlingen.

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