"Schau, die Urli"

Reportage12. Jänner 2012, 11:04
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Wie zwei Theatermenschen zum eigenen Knopfgeschäft gekommen sind - Eine Geschichte aus einer ehemaligen Zweigstelle des alten Knopfkönigs Alois Frimmel

"Zu verkaufen", liest Gerhard Hennerfeind an einem verschneiten Februartag am Türschild eines verlassenen Geschäfts in Wien. Ein Zufall, denn normalerweise nimmt der Theaterbeleuchter einen anderen Weg zur Arbeit. Fast zwei Jahre später steht er nun dort hinter der Ladentheke und verkauft Knöpfe und Nähzubehör. Monatelang hatte das Knopfgeschäft in der Wiedner Hauptstraße geschlossen, bevor die Lichter im Frühling 2010 wieder angingen. Seitdem führt Gerhard Hennerfeind gemeinsam mit seiner Frau Lisi Breuer die Zweigstelle des ehemaligen k. u. k. Hoflieferanten Knopfkönig.

"Reparieren Sie Reißverschlüsse?", fragt eine junge Frau und deutet auf ihren Anorak. Im Vorbeigehen ist sie auf das hell erleuchtete Geschäft namens Frimmel aufmerksam geworden. Eine Laufkundschaft, wie so viele. Der Laden ist die zweite berufliche Leidenschaft des Besitzers - er arbeitet hauptberuflich an einem Theater. Für Lisi Breuer ist es eine Art Therapie nach ernster Krankheit und einem Berufsleben mit abruptem Ende, ebenfalls im Theater.

Versteckte Schätze in Originalschachteln

Farbenfroh ist der Laden mit dem Originalmobiliar und den hunderten Schachteln. Es gibt nahezu nichts, was es nicht gibt, denn im Altbestand finden sich wahre Schätze. "Einmal kam eine ältere adelige Dame aus dem ersten Bezirk herein, sah den Maria-Theresien-Taler im Knopfsortiment und meinte zu ihrer Begleitung: 'Schau, die Urli!'" Solche Geschichten wissen Hennerfein und Breuer zu erzählen, denn ihr Geschäft bedeutet Kundenkontakt pur. Auf den paar Quadratmetern gibt es keinen Selbstservice. 

So kommt es, dass sich die beiden schon einmal die Zeit nehmen und eine halbe Stunde in die Suche nach einem passenden Knopf in den originalen Knopfkönig-Schachteln investieren - egal ob die Kundschaft am Ende zu beglücken ist oder nicht. Auf die direkte Beratung stünden die Kunden sehr, sagt Lisi Breuer, die ihren ursprünglichen, in einer Textilfachschule erlernten Beruf als Musterzeichnerin nie ausgeübt hat.

Kleine Erfolgserlebnisse

Goldgrube ist das Frimmel keine, man sei froh, wenn sich am Ende des Jahres Ausgaben und Einnahmen halbwegs ausgleichen. "Wir dürfen nichts auslassen", sagt Breuer. Sieben Euro fünfzig wird Herr Hennerfeind später für die angefragte Reißverschlussreparatur verlangen. Die Verkaufserfolge kommen in kleinen Schritten: 3,50 Euro, 10,80 Euro - so fängt ein guter Tag an. Ein Blick auf die Verkaufsliste zeigt aber auch Tage, die mit Beträgen um die 20 Cent für ein Stück Einziehgummi beginnen. 

Gemischte Kundschaft

Ein Verkaufsrenner sei der sogenannte BH-Verlängerer, ein Ersatzteil für zu eng gewordene Wäscheteile. So habe nicht nur eine Touristin aus einem kleinen Schweizer Dorf dieses Angebot geschätzt, das früher in Geißlerläden zu finden war. Sehr gefragt ist auch der Reißverschluss-Reparaturservice. Hennerfeind und Breuer wollen im Rahmen ihrer Möglichkeiten an der Nachhaltigkeit arbeiten und kümmern sich um kaputte Zelteingänge, aber auch um Designerkleidung, deren Zipp nicht mehr arbeitet. Nebenbei haben sie eine eigene kleine Schmuckkollektion im Angebot - passend, denn früher waren Knöpfe Schmuckgegenstände. "Davon kommt auch das alte Sprichwort 'Jemandem etwas abknöpfen'", sagt Breuer. 

Anfragen nach Knöpfen kommen auch aus Deutschland und Kroatien und sogar Kanada. Von Modeschülern und jungen Menschen, die Retroaccessoires suchen, über ältere Frauen aller sozialen Schichten bis hin zur Dame, die extra aus der Hinterbrühl anreise, und Wühltischwühlern - die Kundschaft sei bunt gemischt. Auch von der Mundpropaganda eines TU-Professors und eines Pensionistenverbands lebe man. "Kommt ein alter Mann, nähe ich ihm den Knopf gleich an", schildert Lisi Breuer. 

Kleine Ware

Machen sie und ihr Mann einen Großeinkauf für das Frimmel, passt die Ausbeute locker in einen Pkw, denn eine Schachtel Knöpfe um 1.000 Euro lässt sich gut auf der Rückbank transportieren. Sie bemühen sich nachzuvollziehen, woher die Ware kommt. Das Geschäft mit den Vertretern ist immer ein Abenteuer. Nie ist abschätzbar, was die Kunden in Zukunft verlangen. Die Verlockung sei groß, wenn der Vertreter mit seinen 15 Pilotenkoffern Sortiment anrückt. 

Knöpfe zählen

Ebenso abenteuerlich ist die Inventur zum Jahreswechsel: Es heißt Knöpfe zählen. Stirnrunzelnd blättert Gerhard Hennerfeind in seinen Listen, auf denen er sorgfältig sämtliche Produkte dokumentiert. Doch da geht schon wieder die Tür auf und eine Kundin fragt nach einem Maßband. Ihr altes habe nach 30 Jahren ausgedient. Der Ladenbesitzer und seine Frau beraten kompetent und notieren den Betrag, der über den Ladentisch wechselt, sorgfältig in ihr Notizbuch. "Wir geben das nicht auf", sind sie sich einig - da kann auch das Knöpfezählen die Motivation nicht trüben. (Marietta Türk, derStandard.at, 12.1.2012)

  • Bunte Kollektion - für fast alle Eventualitäten gewappnet
    foto: derstandard.at/türk

    Bunte Kollektion - für fast alle Eventualitäten gewappnet

  • Gerhard Hennerfeind und seine Frau Lisi Breuer
    foto: derstandard.at/türk

    Gerhard Hennerfeind und seine Frau Lisi Breuer

  • Ausgefallene Filzknöpfe peppen fade Kleidungsstücke auf
    foto: derstandard.at/türk

    Ausgefallene Filzknöpfe peppen fade Kleidungsstücke auf

  • Das Geschäftslokal - schon von außen ein Hingucker
    foto: derstandard.at/türk

    Das Geschäftslokal - schon von außen ein Hingucker

  • Ausgefallene Stücke
    foto: derstandard.at/türk

    Ausgefallene Stücke

  • Der Rotton ist gut in den Regalen vertreten
    foto: derstandard.at/türk

    Der Rotton ist gut in den Regalen vertreten

  • Allerlei Zubehör
    foto: derstandard.at/türk

    Allerlei Zubehör

  • Auch Reißverschlüsse gibt es in allen Farben
    foto: derstandard.at/türk

    Auch Reißverschlüsse gibt es in allen Farben

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