Verliebt in ein Telefon

14. Dezember 2011, 17:00
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Der junge Mann, der durch Sylvain Bergères Dokumentarfilm führt, ist von seiner iCloud "heruntergepurzelt"

Der junge Mann, der durch Sylvain Bergères Dokumentarfilm führt, ist von seiner iCloud "heruntergepurzelt". Seine Freundin hat ihn verlassen, nachdem er statt an ihren Geburtstag an das iPad 2 dachte und jetzt "sogar Äpfel" isst. Wie so vielen Verlassenen überkam ihn in Folge Aktionismus. Er glaubte, dem Mythos Apple mittels Dokumentarfilm auf die Spur kommen zu müssen. Heraus kam Das Coolness-Diktat - es hätte auch heißen können "Was Sie schon lange über Apple wussten" .

Zum Einstieg bereitete die Doku noch einmal allseits Bekanntes über Apple und Steve Jobs auf, komplettiert von mäßig investigativen Fragen nach dem seinerzeitigen Drogenkonsum des Gurus. Was diesen Mann aber umtreibt - und die naive Sprecherstimme sich aufdringlicherweise andauernd selbst fragt: Wie konnte er "dem Apfel" so verfallen? Und wie kann er ihm "widerstehen" ? Offensichtlich fürchtet er eine postmoderne Wiederholung des Sündenfalls. Mittels nicht ganz so neuen, aber immerhin von Experten vorgetragenen Erkenntnissen über Kapitalismus, Gegenkultur und Coolness versucht er sich zu wappnen. Stellvertretend für die Künstler plaudert er mit einem Apple nutzenden Fotografen - Pablo Picasso sei leider nicht mehr zu kriegen gewesen.

Ein Gehirnscan ("Ist es am Ende wirklich in mich eingedrungen?" ) bestätigt schließlich: Er ist in sein iPhone verliebt. Das hatte er schon befürchtet, fiel ihm doch auf, "wie gern ich es streichle" . Die Genesung kommt schnell: Der Apfel sei wieder "zum Gebrauchsgegenstand" geworden, lässt uns der Sprecher wissen, auch die Freundin ist zurück. Er könne nun wieder selbstständig denken. Das wurde auch Zeit. (Andrea Heinz, DER STANDARD; Printausgabe, 15.12.2011)

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