Neun Orte, ein Stein, ein Denkanstoß

13. Dezember 2011, 18:32
8 Postings

Im Dezember 1921 fand die Ödenburger Volksabstimmung statt - Das Burgenland bekam seine heutige Gestalt - Sopron und acht Orte blieben bei Ungarn

Ágfalva/Agendorf - Vor genau zehn Jahren, am 14. Dezember 2001, ging dem Andreas Böhm der Hut hoch. Aus Budapest kam da nämlich die Nachricht, dass das Parlament mit der damaligen Fidesz-Mehrheit beschlossen hatte, zur Erinnerung an die Soproner Volksabstimmung vom 14. und 16. Dezember 1921 die Errichtung eines "monumentum fidei", eines "Treuedenkmals", zu fördern. Mit drei Millionen Forint. In Böhms Agendorf. Ausgerechnet dort, wo mehr als 82 Prozent am 16. Dezember 1921 für den Anschluss an Österreich gestimmt hatten.

"Ich bin", sagt Andreas Böhm, den ein jeder bis hinauf nach Eisenstadt als den Böhm András kennt, "nicht gegen das Denkmal." Was ihm damals den Hut hochgehen lassen hat, war die gezielte Provokation. "In der Schule gab's nicht einmal g'scheite Fenster. Und da nimmt man dann die drei Millionen für sowas."

Zusatztafel

Der Gemeinderat hat sich, so wie die deutsche Selbstverwaltung, gegen das Denkmal ausgesprochen, der damalige Bürgermeister, Géza Wagner, habe es mit Geschäftsordnungstricks dennoch durchgesetzt. Böhm, damals Chef der ungarländisch-deutschen Selbstverwaltung, hat schließlich einem Kompromiss zugestimmt. Der Stein, auf dem die "treuen" ungarischen Abstimmungsgemeinden aufgezählt werden - acht sind das neben Sopron/Ödenburg -, erhält eine Zusatztafel, die das Agendorfer Ergebnis in der Erinnerung behält: Ausztria mellett 82,21. Für Österreich stimmten damals 682 Agendorfer. Das nicht zu erwähnen, das wäre Böhm vorgekommen wie Verrat. Zumal in Agendorf/Ágfalva die deutsche Volksgruppe stärker geblieben ist als anderswo. "Wir waren ja zu einem guten Teil die Bergmänner oben im Braunkohlebergwerk auf dem Brennberg. Und somit unabkömmlich." Und deshalb weniger betroffen von der Vertreibung im Jahr 1946.

Nach der Grenzöffnung 1989 hat sich das auch bald bemerkbar gemacht - durch den Mund von Andreas Böhm, der die alten, zum Teil ja auch verwandtschaftlichen Verbindungen wieder herstellte. Hinüber ins evangelische Loipersbach, das ja die Tochterpfarre von Agendorf ist. Hinüber aber vor allem ins katholische Schattendorf, wo der mutige Bürgermeister Alfred Grafl (SP) gegen so manche Unken eine asphaltierte Straßenverbindung zum Nachbarn durchgesetzt hat. Grafl übergibt sein Amt demnächst an Johann Lotter, der ihm in die Hand versprochen hat, die gute Nachbarschaft weiterhin zu pflegen.

Auch Loipersbach hat sich von seinen eigenen Provokateuren verabschiedet. Die erste Amtshandlung des neuen Bürgermeisters Erhard Aminger (SP) war es, den Verkehr verhindernden Stein auf dem Feldweg zum Nachbarn zu entfernen. (Wolfgang Weisgram, DER STANDARD; Printausgabe, 14.12.2011)

Share if you care.