Zwei wollen (eine) Geschichte schreiben

4. Jänner 2012, 06:15
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Die steirischen Gemeinden Leibnitz und Kaindorf sollen zusammengelegt werden - Die Bürgermeister wollen damit in die Geschichte eingehen - Jeder der beiden riskiert dafür sein Amt

Leibnitz/Kaindorf - Wenn Bürgermeister Helmut Leitenberger auf dem Balkon des Leibnitzer Rathauses steht, überblickt er den gesamten Hauptplatz. Der Mann mit weißen Haaren, dunklem Sakko und blauer Krawatte lächelt stolz. Er ist seit 2005 Bürgermeister der steirischen Bezirkshauptstadt und das erste rote Oberhaupt der Stadt. Leibnitz war durch und durch schwarz, nach der Gemeinderatswahl 2005 zog Leitenberger als erster SPÖ-Bürgermeister ins Rathaus ein.

Ungewiss ist jedoch, wie lange er dieses Amt noch ausüben wird. Denn gemeinsam mit Kurt Stessl, seinem ÖVP-Amtskollegen aus dem benachbarten Kaindorf, hat er einen Plan: Die beiden Gemeinden sollen zusammengelegt werden. Übrigbleiben wird nur ein Bürgermeister. Leibnitz und Kaindorf sollen beispielgebend für den Reformprozess in der Steiermark sein. Landeshauptmann Franz Voves (SPÖ) und sein Stellvertreter Hermann Schützenhöfer (ÖVP) drängen darauf, um Einsparungen zu erzielen.

"Wir haben den Willen, aber nicht um jeden Preis", sagt Leitenberger im Standard-Gespräch. "Wir haben uns darauf geeinigt, dass wir die Grundlagen erheben, damit wir wissen, wovon wir sprechen." Beide Gemeinden wollen Daten und Zahlen offenlegen und die Bevölkerung Schritt für Schritt informieren. Erst am Ende des Prozesses - 2014, kurz vor der nächsten Gemeinderatswahl - soll die Bevölkerung befragt werden. "Ich bin überzeugt, dass es eine große Zustimmung geben wird. Wünschen würde ich mir weit über 80 Prozent."

Dass die Leibnitzer Bevölkerung - die der möglichen Zusammenlegung derzeit noch wenig Aufmerksamkeit schenkt - mit großen Veränderungen konfrontiert sein wird, glaubt Leitenberger nicht: "Die Leute werden es am Anfang gar nicht merken. Die Bauabteilung sitzt dann vielleicht in Kaindorf, weil wir keinen Platz haben. Oder man verlagert die Personalverrechnung." Auch die Schule in Kaindorf soll bestehen bleiben: "Solange es Kinder dort gibt, wird es auch eine Schule geben." Leibnitz sei zwar die größere Einheit, aber das bedeute nicht automatisch, "dass wir die Stärkeren sind".

Leitenberger sieht die Fusion als Chance für die Region, um wirtschaftlich interessanter zu werden. "Wir liegen zwischen Graz und Marburg. Wirtschaftlich werden wir zwischen diesen zwei Städten zusammengedrängt. Allein durch die Ankündigung haben wir plötzlich eine irrsinnige Nachfrage von Betrieben." Wenn Leibnitz mit Kaindorf zusammengeht, bringt das auch mehr Geld, weil die neue Großgemeinde dann über 10.000 Einwohner hat und ihr somit mehr Mittel zustehen.

Mit Nachbarbürgermeister Stessl aus Kaindorf pflegt Leitenberger ein gutes Verhältnis: "Wir kennen uns sehr lange, tauschen uns sehr offen aus. 2009 bei einer Feier hab ich zu ihm gesagt: Wie schaut's aus, setzen wir den Schritt und gehen in die Geschichte ein?"

Stessl sagte Ja. Er ist seit 2004 überparteilicher "Volksbürgermeister". Das wird man in der Steiermark durch Verzicht auf das Parteimandat. Stessl war ÖVPler. Zur Fusion sagt er: "Wir sind geografisch mit Leibnitz zusammengewachsen, es gibt kaum noch eine sichtbare Grenze. Es ist nicht mehr erkennbar, warum es zwei separate Verwaltungen geben sollte."

Auch Stessl ist überzeugt, dass keine der beiden Gemeinden "zu kurz kommen" wird, und sagt, dass die Zusammenlegung großes Vertrauen voraussetzt: "Man muss Gemeindebesonderheiten und Eigenheiten offenlegen."

Nach der Wahl 2015 muss er damit rechnen, nicht mehr Bürgermeister zu sein. Einer der beiden Amtsinhaber wird seinen Job verlieren und sich nur noch Ortsteilbürgermeister nennen dürfen. Stessl reagiert abwartend: "Ich möchte gar nicht darüber nachdenken, was 2015 sein wird. Ich bin Unternehmer, habe eine Spedition und ein zweites Standbein in der IT-Branche."

Es kann nur einen geben

"Ich muss nicht Bürgermeister sein, der Ortsbürgermeister hat auch Vorteile", sagt auch Leitenberger. Er ist vom Brotberuf Angestellter bei der Gebietskrankenkasse. "Die Karten werden 2015 neu gemischt werden, und es ist vollkommen egal, ob der Bürgermeister Leitenberger oder Stessl heißt, von SPÖ oder ÖVP ist. Das ist nicht von Personen abhängig. Das klingt für manche vielleicht nicht glaubwürdig, aber so ist es."

Bleiben werden Leibnitz und Kaindorf zumindest die Ortsnamen samt Ortstafeln. Dabei hätten sich die beiden Bürgermeister spaßhalber schon einen neuen Namen ausgedacht, sagt Leitenberger und verrät ihn augenzwinkernd: "Kain-Leibnitz". (Katrin Burgstaller, Rosa Winkler-Hermaden, DER STANDARD, Printausgabe, 4.1.2012)

Wissen: Aus zwei mach eins

Leibnitz hat 7800 Einwohner, im kleineren Nachbardorf Kaindorf an der Sulm leben 2600 Personen. Im September 2011 haben die beiden Orte beschlossen, sich an der der geplanten steirischen Gemeindereform zu beteiligen. Ins Boot holen wollten Leibnitz und Kaindorf auch die Nachbargemeinden Seggauberg, Wagna, Gralla und Tillmitsch - die winkten jedoch ab. Die nächsten regulären Gemeinderatswahlen finden im März 2015 statt.

Bis dahin sollen mithilfe von Experten des Landes Steiermark Umsetzungsschritte zur Zusammenlegung erarbeitet werden. Parallel wird eine Arbeitsgruppe mit Vertretern aller politischen Parteien aus beiden Gemeinden installiert. 2014 wird die Bevölkerung im Rahmen einer Volksbefragung entscheiden, ob die Fusion umgesetzt wird. (rwh)

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    foto: rwh/derstandard.at
  • Refugium Rathaus: Helmut Leitenberger, seit 2005 erster roter Bürgermeister von Leibnitz, fragte seinen Kollegen aus dem benachbarten Kaindorf: "Wie schaut's aus, setzen wir den Schritt und gehen in die Geschichte ein?"
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    Refugium Rathaus: Helmut Leitenberger, seit 2005 erster roter Bürgermeister von Leibnitz, fragte seinen Kollegen aus dem benachbarten Kaindorf: "Wie schaut's aus, setzen wir den Schritt und gehen in die Geschichte ein?"

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  • Machtzentrale Marktgemeindeamt: Kurt Stessl, Ortschef von Kaindorf an der Sulm, sagte Ja zu einer Fusion mit Leibnitz. Auch wenn es ihn das Bürgermeisteramt kosten könnte. Denn es gilt: Ein Ort braucht auch nur einen Bürgermeister.
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    Machtzentrale Marktgemeindeamt: Kurt Stessl, Ortschef von Kaindorf an der Sulm, sagte Ja zu einer Fusion mit Leibnitz. Auch wenn es ihn das Bürgermeisteramt kosten könnte. Denn es gilt: Ein Ort braucht auch nur einen Bürgermeister.

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