Deutschland vertrauen

Kolumne5. Dezember 2011, 18:47
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Helmut Schmidt muss widersprochen werden - Es ist weit und breit keine "deutschnationale Kraftmeierei" zu sehen

Helmut Schmidt warnt. So beginnen viele Meldungen. Der 92-jährige deutsche Altkanzler warnt - zuletzt auf dem SPD-Parteitag - vor "deutschnationalen Kraftmeiereien" in der EU-Politik. Schmidt hat als Kanzler (1974-1982) mehr als beeindruckende Weitsicht und Handlungskraft bewiesen.

Mit Frankreich legte Schmidt den Grundstein zur Wirtschafts-und Währungsunion. Gegenüber dem RAF-Terrorismus (Schleyer-Entführung, Lufthansa-Maschine in Mogadischu) zeigte er eiserne Nerven. Der sowjetischen Raketenerpressung begegnete er mit kluger Festigkeit ("Nato-Doppelbeschluss").

Heute wird man ihm respektvoll widersprechen müssen: Es ist weit und breit keine "deutschnationale Kraftmeierei" zu sehen. Deutschland ist in der Eurokrise zwangsläufig eine Führungsrolle zugewachsen, weil es der wirtschaftlich erfolgreichste Staat ist. Es hat diese Rolle nicht missbraucht.

Selbstverständlich gibt es Stimmen in Deutschland, darunter nicht ganz unwichtige, die an das arrogante Auftrumpfen von vorgestern erinnern. Aber in der jetzigen Regierung, in der politischen Klasse als Ganzes, auch in der öffentlichen Debatte: Vernunft, maßvolle Zurückhaltung, Verantwortungsbewusstsein überwiegt bei weitem. Wer führt, muss sich durchsetzen. Aber Machtmissbrauch und Herrschaftsstreben muss man nicht befürchten. Das Deutschland von heute hat sich Vertrauen erarbeitet. (DER STANDARD Printausgabe, 6.12.2011)

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    Helmut Schmidt muss respektvoll widersprochen werden. Von "deutschnationaler Kraftmeierei" ist weit und breit nichts zu sehen.

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