Der Liebe Tod ein Leiden schafft

4. Dezember 2011, 17:42
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Im Tanzquartier Wien und im Brut Theater wird in drei sehr unterschiedlichen Stücken, darunter eine Uraufführung, die Fatalität der Selbstverliebtheit untersucht

Wien - Tief in die zwielichtigen Archive des Narzissmus wird bei drei sehr unterschiedlichen Stücken zeitgenössischer Choreografie gegriffen: Im Tanzquartier bei Anarchiv #3: Songs of love and war des deutschen Künstlerzwillings Deufert+Plischke sowie bei der Uraufführung von Insignificant Others der jungen, in Berlin lebenden Österreicherin An Kaler; und im Brut Theater, wo Linger von den Wienern Thomas Kasebacher & Laia Fabre uraufgeführt wurde.

In Linger waten vier junge Leute durch einen Morast aus eingebildeter Liebe und selbstverliebter Langeweile, enttäuschten Träumen und aggressionsgeladener Passivität. Auf Basis von Victor Gunns Kriminalroman Death on Bodmin Moor aus dem Jahr 1960 entwickeln vier Performer ein nebelhaftes, mit grungigen Atmosphären à la Nirvana durchzogenes Szenario. Sie geben vor, den Krimi neu zu untersuchen. In Wahrheit aber enthüllen sie offenbar den für unsere Gegenwart typischen Verlust der Verantwortung. Eine ausgeklügelte Geschichte über die Ereignisse und das Personal in Gunns Buch wird erzählt. Währenddessen stellt sich bei einem Ausflug des Quartetts heraus, wie abgenutzt der alte Begriff Liebe ist.

Das passt zu einem nüchternen Statement des deutschen Philosophen Marcus Steinweg zur Liebe, das auf einer Stellwand in Deufert+Plischkes Anarchiv-Installation klebt: "Oft zerfallen ihre Motive zu gewöhnlichen Interessen oder zu bloßer Bequemlichkeit." Übrig bleibt, wie auf einem der Schilder im Set steht, ein "Romantismus des kalten Herzens".Dieses Thema bahnt sich gerade den Weg durch die Gegenwartskultur: Abbau der romantischen Liebe zugunsten einer Suche nach etwas Besserem, das weniger nach Habgier, Eifersucht und Krieg strebt.

Kattrin Deufert und Thomas Plischke sind virtuose Rechercheure in den - Fakten und Fakes vermischenden - Folianten der Kulturgeschichte. Ihre Einladung ans Publikum, das Anarchiv über Liebe und Krieg mitzugestalten, ist zwar freundlich. Doch die Fallen sind offenkundig: Über Wagners Ring des Nibelungen mit Livemusik des belgischen Pianisten und Dirigenten Alain Franco spannen sie gewitzt thematische Stolperdrähte wie "Treue durch Verrat" oder "Make love, not peace".

Wunde Punkte

Den vereinfachenden neoliberalen Sentimentalitäten setzt der Künstlerzwilling die Reize einer komplexen Wirklichkeit entgegen. Das Publikum sitzt an kleinen Tischen und spielt Spiele, die von Deufert+Plieschke vorgegeben sind. Doch die Regeln muss das Publikum selbst entwickeln. Es lässt sich auf dieses Abenteuer ein - und wird nicht hereingelegt.

Wie der Gunn-Krimi bei Kasebacher & Fabre, ist bei Deufert+Plischke der Wagner-Plot unterlegt. So geraten die Genres der Kriminal- und der Opernliteratur auf Augenhöhe zueinander. In diesem Kontext kratzen beide Stücke an einem wunden Punkt, den der Philosoph Steinweg so zusammenfasst: "Es gibt kein Jenseits des Narzissmus." Die Luftballons, auf die das Publikum seine wichtigsten Schätze schreiben kann, sind silbrig wie Spiegel. Wer schreibt, betrachtet sich selbst.

Dieser unausweichliche Narzissmus prägt auch An Kalers Trio Insignificant Others. Zwei Frauen und ein Mann nehmen Posen ein, verwandeln sie in langsame, konzentrierte tänzerische Abläufe. Drei androgyne Typen erteilen normierten Geschlechterrepräsentationen einen Verweis - eine klare und waghalsige Gegenposition zu den hektischen Burlesque- und Voguing-Stereotypen, die derzeit ziemlich inflationär durch die Gegenwartsperformance im Tanz und in der bildenden Kunst rauschen.

Unterm Strich sagen alle drei Stücke genau das: Solange es keinen Weg aus dem Narzissmus gibt, wird der Krieg der Liebe auf den Fersen bleiben. (Helmut Ploebst, DER STANDARD - Printausgabe, 5. Dezember 2011)

  • Kattrin Deufert und Thomas Plischke erweisen sich auch in "Anarchiv #3. 
Songs of love and war" als virtuose Rechercheure.
    foto: anja beutler

    Kattrin Deufert und Thomas Plischke erweisen sich auch in "Anarchiv #3. Songs of love and war" als virtuose Rechercheure.

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