Achtung, in 200 Metern schnell denken!

29. November 2011, 19:10
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Ziel des Forschungsprojekts Roadsafe ist es, Systeme für die Verkehrssicherheit auf der Straße zu evaluieren - Der STANDARD erhielt sehr klare Sprachbefehle auf der Autobahn, war aber dennoch nicht immer folgsam

"Achtung, Baustelle! Wechseln Sie in 300 Metern auf die äußerst linke Fahrspur." Und schon versucht der grundsätzlich folgsame STANDARD-Testfahrer den Wunsch des klobigen Bordcomputers neben dem Lenkrad zu erfüllen. Der gewohnt dichte Freitagsverkehr auf der A4 stellt ihn aber noch vor eine Wahl: den anvertrauten lahmen Diesel möglichst sofort hinübersteuern, oder eventuell doch zuerst den agileren SUV passieren lassen. "Eitelkeiten sind mit einem Fahrsicherheitssystem nicht verhandelbar", sagt sich der Testfahrer. Er bremst ein wenig ab und wechselt erst unmittelbar vor der imaginären Baustelle die Spur.

Sofort nach diesem Manöver kommt die erste Frage vom Beifahrer: "Wie verständlich war das Kommando auf einer Skala von eins bis sieben, wenn sieben sehr verständlich bedeutet?", will Peter Fröhlich wissen. "Sieben", antwortet der Testfahrer, der selten zuvor eine so natürliche Stimme von einem "Navi" gehört hat. "Und was hat Sie dabei am meisten unterstützt?", hakt der Senior Researcher des Forschungszentrums Telekommunikation Wien (FTW) nach. "Die klare auditive Information. Ein Blick auf den Bildschirm war überhaupt nicht notwendig", meint der Fahrer.

Simulierte Realitätsnähe 

"Was hat Sie gestört?", möchte Fröhlich zu guter Letzt noch klären, um das Forschungsprojekt Roadsafe in alle Richtungen abzusichern. "An der Aufbereitung der Information gar nichts", gibt der Lenker zurück. "Allerdings entstand durch die Aufforderung zum Spurwechsel ein neuer Konflikt: das Tempolimit überschreiten, um innerhalb von 300 Metern ganz nach links zu gelangen, oder abbremsen und hoffen, dass die Baustelle niemals kommt."

Die angekündigte Gefahrenstelle war jedenfalls zu keinem Zeitpunkt eine Bedrohung. Denn bei den bisher 80 durchgeführten Autobahnfahrten soll zwar möglichst viel der Realität entsprechen. Baustellen, Unfälle oder extreme Wetterbedingungen werden aber derzeit nur vom Bordcomputer simuliert, um standardisierte Testbedingungen für künftige Fahrsicherheitssysteme zu schaffen.

Ein bisschen irritiert blickt das STANDARD-Versuchskaninchen am Volant jetzt in die Videokamera auf dem Armaturenbrett vor sich. Es weiß zwar, dass die "Verhaltensforscher" von Roadsafe diese Aufnahmen nur benötigen, um seine Blicke zu analysieren: Wie oft sie auf dem Display des Bordcomputers haften, und ob sie lange genug auf der Straße bleiben, müssen die Forscher schließlich auswerten. Allerdings lenkt allein der Gedanke, dass hier jede Bewegung registriert wird, selbst ein wenig ab: Am Lenkrad messen Sensoren, ob die Spur gehalten wird, zusätzliche an den Pedalen, ob man bremst oder beschleunigt. All diese Daten fließen in den zentralen Rechner, der dieses Auto gemeinsam mit den vielen Kabeln, Empfängern und Videoaugen zu einem ausgesprochen ungemütlichen Sondermodell macht. Doch jetzt ist nicht die Zeit, um über Stylingfragen künftiger Bordelektronik zu diskutieren.

"Achtung, Stau! Biegen Sie in 200 Metern rechts ab", befiehlt die Stimme. Dies sogar in einem vertraut klingenden österreichischen Idiom, das in einem anderen Projekt des FTW entwickelt wurde.

Stau oder Sperrlinie 

Neben dem Armaturenbrett hängt mittlerweile ein Smartphone, um zu testen, wie die visuellen Informationen an ein deutlich kleineres Display angepasst werden können. Tatsächlich sind sie noch immer gut ablesbar - die optische Irritation liegt ganz woanders: Auf der Fahrbahn trennt den Lenker bereits eine dicke Sperrlinie von der Möglichkeit, dem Stau auszuweichen. Bis zur Flughafenausfahrt, die vom Computer präferiert wird, sind es jetzt nur mehr rund 150 Meter. Was also tun: einen Stau umfahren und dadurch eine Verwaltungsstrafe riskieren, oder einfach die gutgemeinte Empfehlung ignorieren?

Ob ein unterstützendes Informationssystem jemals in der Lage sein wird, auch häufig wechselnde Bodenmarkierungen zu berücksichtigen, kann Peter Fröhlich noch nicht abschließend beurteilen. "Das ist auch nicht unsere Aufgabe", betont er. "Wir vergleichen in diesem Projekt die Darstellung von in Echtzeit eintreffenden Sicherheitsinformationen erstmals unter realen Bedingungen." Die eigentliche Aufgabe des FTW ist es nämlich herauszufinden, ob Informationen zeitgerecht, präzis und gut dargestellt aufbereitet werden. Klar ist aber auch, dass die Benutzertauglichkeit in Zukunft von der Qualität der übertragenen Daten abhängt.

Als erstes Ergebnis der bisher durchgeführten Testfahrten kann Fröhlich jedenfalls festhalten: Die Forscher haben bei keiner Variante der Vermittlung von Informationen Hinweise auf eine verminderte Fahrsicherheit gefunden. Allerdings gab es Unterschiede bei der Befolgung der Anweisungen, bei der Gleichmäßigkeit des Fahrverhaltens und vor allem dabei, wie häufig Lenker auf das Fahrerinfosystem geblickt haben. Erklärtes Ziel ist es, die Anzahl der Verkehrsunfälle zu reduzieren. (DER STANDARD, Printausgabe, 30.11.2011)

=> Wissen: Hilfe auf die Straße bringen


Wissen: Hilfe auf die Straße bringen

Roadsafe evaluiert auf der Straße, wie Informationssysteme für die Verkehrssicherheit gestaltet sein müssen, damit sie den Lenker eines Fahrzeugs optimal unterstützen. Im Zukunft sollen diese Systeme vielleicht sogar dazu dienen, Notstopps vorzubereiten. Vor allem deshalb werden sie bereits jetzt unter kontrollierten Bedingungen im realen Verkehr getestet. Die Ergebnisse aller durchgeführten Testfahrten - sie dauern rund zwei Stunden - sollen in größere Infrastrukturprojekte wie das "Testfeld Telematik" einfließen und den Aufbau österreichweit verfügbarer Dienste für die Verkehrssicherheit unterstützen. Roadsafe ist ein kooperatives Projekt des Forschungszentrums Telekommunikation Wien mit der Asfinag Maut Service, der Fluidtime Data Services, der Kapsch TrafficCom und der TU Wien. (saum)

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    Roadsafe testet auf der Straße, wie Fahrzeuglenker mit Informationen zur Sicherheit umgehen und wie diese aufbereitet werden müssen.

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