Trübe Aussichten beim glänzenden Gold-Geschäft

9. Dezember 2011, 06:15
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Die Anwohner von San Marco in Guatemala wehren sich gegen die Goldmine "Marlin" - Bislang ohne Erfolg

50 Kilometer und im Zick-Zack schlängelt sich "Marlin" unterirdisch durch San Marco und umliegende Gemeinden in Guatemala. Die Goldmine ist in Besitz von Montana Exploradora de Guatemala, einer Niederlassung der kanadischen Firma Goldcorp. 1998 wurden die Goldvorkommen entdeckt, seit 2005 wird der Bodenschatz abgebaut. Aufgrund schwacher Verträge profitiert Guatemala vom Geschäft mit dem Gold kaum. Im Gegenteil: Umweltverschmutzung und soziale Probleme belasten die Bewohner der Region. Gewinner sind ausländische Konzerne.

"Da es ein sehr schwaches Bergbaugesetz gibt, hat uns der Abbau von Gold und Silber nur noch mehr Probleme gebracht", berichtet Alvaro Ramazzini, der seit 1989 Bischof im südwestlichen Hochland ist und sich im Widerstand gegen die großen Konzerne engagiert, bei einem Besuch auf Einladung von Horizont 3000 und der Dreikönigsaktion in Wien. Das Gesetz würde ausländische Konzerne sogar bevorzugen und ihnen in den ersten sieben Jahren Steuerfreiheit verschaffen. Die Betreiber der "Mina Marlin" müssten gar nur ein Prozent ihrer Bruttoeinnahmen an Guatemala leisten, sagt Ramazzini.

Volksbefragungen ohne Konsequenzen

"Bislang gab es 59 Volksbefragungen über Minenprojekte und alle Gemeinden haben negativ abgestimmt", berichtet der Bischof. Doch der Präsident und die Regierung würden auf diese Zeichen nicht reagieren. Was mit der Mine "Marlin" nach deren Stilllegung passieren wird, ist unklar. Ramazzini hat mit Hilfe von Forschen berechnen lassen, dass eine angemessene Schließung zehn Millionen Dollar kosten würde. Bislang habe der Staat jedoch nur eine Million zurückgelegt.

Konflikte zwischen Indigenen und Staat

Zunächst nehmen die BewohnerInnen vieler Regionen neue Minen als Chance wahr, da dadurch Jobs geschaffen werden. Der Preis ist hoch: Traditionelle Lebensgrundlagen werden zerstört. Denn industrielle Goldförderung kann selbst bei einem extrem niedrigen Vorkommen von 0,5 Gramm pro Tonne Gestein noch wirtschaftlich rentabel sein. Es werden aber auch bei höherem Vorkommen große Mengen Gestein bewegt und das Gold mit Hilfe von giftigen Chemikalien daraus gewonnen. Die dafür nötigen Deponien brauchen sehr viel Platz, wodurch benachbarte Dorfgemeinschaften ihr angestammtes Land verlieren.

Bei Zwangsumsiedlungen werden die Rechte der Betroffenen regelmäßig missachtet, angemessene Entschädigungen gibt es selten. Und das, obwohl laut Bestimmungen von internationalen Konventionen große Bergbauprojekte nur durchgeführt werden dürfen, wenn die lokalen indigenen Gemeinschaften ihre Zustimmung ("free, prior and informed consent") geben. Eine Folge dieser Marginalisierung der Rechte einer Bevölkerungsgruppe kommt es zu gewaltvollen Konflikten, in die sowohl private Sicherheitsfirmen, als auch staatliche Kräfte verwickelt sind.

Vergiftetes Trinkwasser

Die Betroffenen versuchen, sich vor allem gegen die Umweltverschmutzung zu wehren. "Der Abbau der Bodenschätze unterliegt nur einer schlechten Prüfung", kritisiert Ramazzini. Durch Unfälle, wie Lecks oder Dammbrüche, wird das Wasser mit hochgiftigem Cyanid verunreinigt. Die Abfälle der Minen werden zudem oft unsachgemäß gelagert. Die gesundheitlichen Konsequenzen bleiben nicht aus: Verseuchtes Oberflächen- und Grundwasser macht die AnwohnerInnen krank. Bischof Ramazzini weist darauf hin, dass all diese Probleme auch noch Jahre nach Stilllegung einer Mine aktuell sein können.

Guatemala nach dem Bürgerkrieg

Das große Problem des kleinen Staates in Zentralamerika ist die Armut. Die Preise für Lebensmittel und Medikamente steigen, die Gehälter bleiben jedoch gleich. Ramazzini liefert Zahlen: Demnach leiden 59 Prozent der ein- bis fünfjährigen Kinder der Indigenen an chronischer Unterernährung. Laut UNICEF liegt Guatemala auf dem siebten Rang, was Kindersterblichkeit betrifft. "Das ist noch dazu so traurig, da in meinem Land genug Lebensmittel vorhanden wären", sagt Ramazzini

"Das Land ist durch die 36 Jahre Bürgerkrieg geprägt. Es werden noch immer 13 bis 15 Menschen pro Tag ermordet: Das ist mehr als zur Zeit des Bürgerkriegs", sagt Ramazzini. Die aktuellen Konflikte hängen seiner Meinung also auch mit der vergangenen Situation zusammen, die noch nicht aufgearbeitet wurde.

Gold: Sicherheit für nervöse Anleger

Der Goldpreis gilt in der Börsenwelt als Krisenindikator: Sobald die Nerven von Anlegern zu flattern beginnen, flüchten sie zum vermeintlich sicheren Gold. Das Edelmetall gilt als krisensicher, da es so selten vorkommt. Weltweit wurde bis 2009 insgesamt jene Menge Gold geschürft, die der Größe eines Würfels mit 20,28 Metern Seitenlänge entspricht, informiert die Dreikönigsaktion. Seit 1950 wurden laut aktuellen Zahlen des World Gold Council etwa 65 Prozent des Weltgoldbestandes aus dem Boden gefördert.

Da seit 2001 die Goldpreise kontinuierlich steigen, wird auch die Förderung des Edelmetalls immer mehr forciert. Durch gegenseitige Übernahmen kam es zu einer starken Konzentration im Bergbausektor: Die zehn größten Unternehmen gewinnen mittlerweile 40 Prozent der gesamten jährlichen Produktion. Ihre Firmensitze sind vor allem in Kanada, den USA, Südafrika und Australien. 

Hoffnung auf neue Regierung

Die Alliance for Responsible Mining (ARM) und Fairtrade International (FLO) haben gemeinsam Standards entwickelt. Das ist eine Möglichkeit für BergarbeiterInnen und ihre Familien, ihre Lebenssituation zu verbessern. Für "ecological gold", das ohne Einsatz von Chemikalien und unter Einhaltung strenger Umweltauflagen gewonnen wird, gibt es zusätzlich einen Aufschlag in Höhe von fünf Prozent der entsprechenden Kursfestsetzung.

Bischof Ramazzini gibt die Hoffnung nicht auf: Am 11. Jänner beginnt eine neue Regierung ihre Arbeit. Das Parteiprogramm ist noch nicht bekannt. "Wir verlangen eine Stilllegung und, dass die kommenden 20 Jahre keine neuen Lizenzen vergeben werden", sagt er. Die Zeichen deuten auf anderes hin: Erst kürzlich wurde wieder eine Lizenz für ein umstrittenes Minenprojekt in einem Umweltschutzgebiet vergeben. (Julia Schilly, derStandard.at, 29.11.2011)

Zur Person

Monseñor Álvaro Ramazzini ist seit 1989 Bischof der Diözese San Marcos im südwestlichen Hochland Guatemalas. In unterschiedlichen Funktionen hat er sich bei der guatemaltekischen Bischofskonferenz, deren Vorsitzende er auch war, für die Rechte der indigenen Bevölkerung, für eine gerechte Landverteilung und für den Umweltschutz eingesetzt. Als Delegierter der Bischofskonferenz hat er bei den Friedensverhandlungen zur Beendigung des Bürgerkrieges entscheidend mitgewirkt. 2005 wurde er mit dem Konrad-Lorenz-Preis des österreichischen Umweltministeriums und 2011 mit dem Friedenspreis "Pacem in Terris" ausgezeichnet.

  • Aufhaltebecken der Mine "Marlin" in Guatemala.
    foto: koblbauer/dka

    Aufhaltebecken der Mine "Marlin" in Guatemala.

  • Bischof Ramazzini unterstützt eine Protestaktion in Totonicapán.
    foto: consejo de los pueblos maya de occidente (cpo)

    Bischof Ramazzini unterstützt eine Protestaktion in Totonicapán.

  • Protestaktion gegen Minenbau im Departement Totonicapán.
    foto: consejo de los pueblos maya de occidente (cpo)

    Protestaktion gegen Minenbau im Departement Totonicapán.

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    Gold gilt noch als "krisensicher".

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